Frieden schaffen mit Wohlstand
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Freitag, 16. Januar 2026

Frieden schaffen mit Wohlstand

„Wer den Frieden wünscht, bereite den Krieg vor“ – dieses Zitat des römischen Militärschriftstellers Vegetius (um 400 n. Chr.) scheint derzeit die Blaupause für die europäische Politik zu sein.

Man müsse aufrüsten, damit ein Angriff für einen Aggressor – gemeint ist Russland – unattraktiv werde. Das ist der Standpunkt der meisten Politiker in der EU. Dabei sind sich alle einig: Eigentlich würde man viel lieber in Kindergärten und Brücken investieren statt in Panzer und Drohnenabwehr.

So beginnt man in den europäischen Hauptstädten aus Not aufzurüsten, weil ein anderes Konzept gescheitert ist: Frieden durch Wohlstand. Denn diese grundlegende Idee der europäischen Friedensordnung ist vorerst in der Ukraine und Russland an ihre Grenze gestoßen.

Ständig herrscht Krieg – auch am Rand Europas

Zwar ist Frieden ein hehres Ziel – doch er ist eher die Ausnahme als der Normalzustand der Menschheitsgeschichte. Irgendwo ist immer Krieg. Und meistens ist er gar nicht so weit weg von uns, wie wir glauben.

Wladimir Putin führt seit den 2000er-Jahren fast ständig irgendwo Krieg: gegen die Separatisten in Tschetschenien; für Assad; und seit 2014 einen mehr oder weniger heißen Krieg gegen die Ukraine. Manch einer erinnert sich noch an die jugoslawischen Zerfallskriege in den 1990er-Jahren.

Krieg auf deutschem Boden immerhin kennen nur noch die Ältesten. Dass es in und aus Deutschland in dieser langen Zeit keinen Krieg mehr gegeben hat, ist eine Leistung, die man kaum überschätzen kann. Einen wesentlichen Anteil daran hat die europäische Einigung.

Das dahinterstehende Konzept kann man so beschreiben: Wer gemeinsam wirtschaftlich handelt, führt keine Kriege – wenn ihm der Handel mehr nützt als der Krieg. Den Satz hinter dem Spiegelstrich vergisst man leicht. Die Kooperation muss für genügend Menschen Nutzen bieten, nur dann gibt es einen friedenstiftenden Aspekt. Die Westdeutschen sind dafür die Blaupause.

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In Deutschland entschied man sich für Wohlstand statt für Revisionismus. In anderen Staaten gelang das nicht. Foto: Jahanzeb Ahsan (unsplash)

Wohlstand schafft Versöhnung

1945 hatte das Dritte Reich den Krieg verloren, Millionen Menschen mussten aus ihrer Heimat fliehen, die Städte waren vom Bombenterror zertrümmert, Millionen ehemaliger Soldaten suchten nach einer neuen Aufgabe.

Schon einmal hatten die Deutschen einen Weltkrieg verloren und ihre Politik drehte sich danach jahrzehntelang darum, dessen Ergebnisse zu revidieren. Doch diesmal verloren die Westdeutschen in den kommenden Jahrzehnten die Lust darauf, Schlesien und Pommern zurückzuerobern und die Nachkriegsordnung umzustürzen.

Denn unter der ging es ihnen ganz hervorragend: Im Wirtschaftswunder bauten sie ihr Land unter dem Schutzschirm der USA wieder auf und übertrafen bald die europäischen Siegermächte an Wohlstand und Wirtschaftskraft. Wieso sollte man für die Vergangenheit kämpfen, wenn die Gegenwart besser war?

Die damit verbundene Hoffnung war attraktiv: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs drängten die ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten in die EU, um am europäischen Wohlstandsversprechen teilzuhaben.

Die Angebote des alten Hegemons Russland waren demgegenüber für viele Osteuropäer weniger attraktiv. Zwar hatte die Sowjetunion die Staaten in ihrem Machtbereich jahrzehntelang mit ihren gewaltigen Rohstoffreserven wirtschaftlich gestützt. Und Russland versuchte spätestens unter Putin, an diese Tradition anzuknüpfen, um seinen Einflussbereich wieder auszudehnen.

Doch nachdem Staaten wie Polen und Tschechien sich, angeschoben durch EU-Subventionen, im europäischen Binnenmarkt positiv entwickelten, ließen sich die Ukrainer mit günstigem Gas und Öl nicht mehr locken.

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Öl und Gas waren schon in Zeiten der Sowjetunion Teil eines Wohlstandstransfers, mit dem Moskau seine Satellitenstaaten unter Kontrolle halten wollte. Foto: Wolfgang Weiser (unsplash)

Wieso uns Russland fernblieb

Doch misslang es den Europäern, die Idee von Wandel durch Wohlstand auch auf Russland auszudehnen. Zwar wuchs die russische Wirtschaft seit den 2000er-Jahren wieder, gestützt vor allem durch die Rohstoffverkäufe an den Westen.

In Russland jedoch verband man den Wohlstand mit Putin, der das Geld aus Europa einnahm und verteilte. Das zeigt: Wohlstand trägt nur dann zum Frieden bei, wenn es erfolgreiche Rückkopplungseffekte im Inland gibt. Die Bevölkerung oder relevante Gruppen müssen vom Frieden profitieren und sowohl willens wie in der Lage sein, ihren Wunsch danach zu artikulieren.

In Russland stützte aber der importierte Wohlstand ein Klientelsystem, an dessen Spitze ein Mann Reichtum für Loyalität verteilte.

Der Wohlstand der anderen

Doch nicht nur aus Russland droht Gefahr für die europäische Friedensordnung. Auch aus den USA. Mit Donald Trump ist ein Mann US-Präsident, der Weltwirtschaft als Nullsummenspiel versteht: Der Wohlstand des anderen ist Wohlstand, den ich nicht habe.

Deswegen versucht er aus anderen Staaten, besonders aus alten Verbündeten, soviel Geld wie möglich herauszupressen. Das europäisch-westliche Friedenskonzept beruht dagegen auf der Erkenntnis: Der Wohlstand des anderen trägt auch zu meinem Wohlstand bei.

Dann gönne ich ihm nicht nur seinen Erfolg, ich fördere ihn auch – denn ich habe auch etwas davon. Für das trumpsche Denkmuster sind übrigens auch die Deutschen anfällig: Man bekommt hierzulande schnell Applaus, wenn man darüber wettert, das deutsche Geld werde in Brüssel eingesammelt und an faule Griechen oder Polen verteilt.

Dabei können sich die, wenn sie dank Starthilfe zu Wohlstand gekommen sind, deutsche Produkte kaufen. In einem wachstumsgetriebenen System kommt das Geld also mit Zinseszins wieder zurück.

Das zeigt: Die europäische Friedensordnung durch Wohlstand ist an viele Voraussetzungen gebunden und deswegen fragiler, als es uns lieb ist. Die historische Erfahrung zeigt aber auch: Es ist bislang das beste Konzept, das entwickelt wurde. Es lohnt sich also, daran weiterzuarbeiten.