Ukrainekrieg: Interview Pater Artur Stronczewski
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Ukraine
Freitag, 24. Februar 2023

Ein Jahr im Krieg - drei Fragen an Pater Artur aus Kiew

Wie lebt es sich mitten in Europa, mitten im Krieg, wenn die Raketen 800 Meter entfernt einschlagen und die Sirenen jeden Tag heulen? Wir haben mit  Pater Artur Stronczewski OMI gesprochen, der wie 30 andere Oblaten auch in der Ukraine geblieben ist.

Christoph Heinemann OMI

Wie wohnt und arbeitet ihr?

Artur Stronczewski OMI

Wir wohnen in Kiew in einem großen Mehrfamilienhaus. Unser  "Kloster" ist eine Wohnung, in der wir mit vier Oblaten leben. Die Wohnungen in Kiew wurden in der Sowjetzeit alle mit kleinen Räumen und sehr niedrig gebaut. Ziel war es, möglichst viele Menschen in einem Wohnblock unterbringen zu können. Deswegen ist es bei uns etwas beengt. Wir haben auch eine kleine Kapelle, das ist die ehemalige Küche. Da passen genau vier Stühle rein und ein Mini-Altar in der Wand, damit ist sie voll.

Die Wohnung liegt in einem zentralen Viertel von Kiew; dort befinden sich auch viele Botschaften, Ministerien und städtische Behörden. Deswegen wird diese Gegend oft angriffen. Unser Dienstort ist die St. Nikolaus-Kirche. Die ist acht Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt.

 

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Pater Artur beim Küchendienst. Da es nicht immer Strom gibt, behilft er sich beim abendlichen Küchendienst mit einer Stirnlampe. Dank des Gasherdes, gibt es sogar warmes Essen

Damit die Türen wieder aufgehen

Schon im vergangenen Jahr haben wir ausführlich über die Arbeit in der Pfarrei St. Nikolai berichtet. Auch über die Geschichte der Kirche, die ebenso wechselvoll ist wie die Geschichte des Landes.

Den Beitrag zu St. Nikolaus finden Sie hier.

Christoph Heinemann OMI

Wie gestaltet sich euer Gemeindeleben  und euer seelsorglicher Dienst im Krieg?

Artur Stronczewski OMI

Unsere Gemeinde ist kleiner geworden. Dazu muss man erklären: In der Ukraine zählen wir anders als in Deutschland. Bei uns sind die Gläubigen nicht in einer Gemeinde registriert, stattdessen schauen wir, wie viele Leute in den Gottesdienst kommen. Das sind derzeit 500 Menschen. Vor dem Krieg waren es deutlich mehr.

Unsere Pfarrei St. Nikolai war eine von zwei Gemeinden in Kiew während der Zeit des Kommunismus. Deswegen ist sie sehr bekannt. Es kommen immer noch Leute aus der ganzen Stadt, auch wenn sie in Gebieten wohnen, wo mittlerweile eigene Pfarreien gegründet wurden. Viele Leute besuchen uns, weil sie dort geheiratet haben oder getauft wurden.

Trotz des Krieges wurde unsere Kirche nie geschlossen. In gewisser Weise sind wir noch mehr beschäftigt als früher. Weil St. Nikolai so zentral liegt, ist die Kirche zu einem Zentrum humanitärer Hilfe geworden. Seit Beginn des Krieges haben wir von dort schon über 3.000 Tonnen Hilfsgüter verteilt: Kleidung, Lebensmittel, Medikamente. Schon vor dem Krieg war die Gemeinde sehr sozial engagiert.

Wir arbeiten viel mit den Missionarinnen der Nächstenliebe zusammen.  Ein Mitbruder in unserem Kloster in Obukhov kocht für die Armenspeisung der Schwestern. Die Schwestern führen auch ein Haus für Obdachlose und Menschen mit Alkoholproblemen. Wir Oblaten sind dort in der Seelsorge tätig.

Berichte aus dem Kriegsgebiet

In der Ukraine leben 30 Oblaten; sie haben den Status einer Delegatur, die Teil der polnischen Oblatenprovinz ist. Die Oblatenmissionare in der Ukraine schildern ihre Eindrücke aus den ersten Kriegswochen.

Die Berichte finden Sie hier.

Christoph Heinemann OMI

Es ist beeindruckend, dass die Oblaten im Krieg im Land bleiben, auch die Nicht-Ukrainer. Habt ihr keine Angst?

Artur Stronczewski OMI

Natürlich haben wir Angst. Besonders wenn die Angriffe sehr nah sind. Einmal haben wir gerade Gottesdienst gefeiert. Nach dem Evangelium gab es eine kurze Stille. In diese Stille hinein haben wir die Raketen gehört, die sind sehr laut. Aber wir konnten nichts machen und haben weiter Gottesdienst gefeiert. Die Raketen sind rund 800 Meter entfernt von uns eingeschlagen. Das werde ich nie vergessen. Du sitzt da und denkst, jetzt ist es soweit.

Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass es regelmäßig Luftalarm gibt. Man wird irgendwie auch gleichgültig. Am Anfang haben wir uns immer in Sicherheit gebracht - das war in Obukhov, wo ich vorher gearbeitet habe, noch einfacher. In unserer Wohnung in Kiew haben wir aber keine richtigen Schutzmöglichkeiten, einen Keller oder ähnliches gibt es nicht. Wenn Alarm kommt lege ich mich aufs Bett und hoffe, dass es nicht bei uns einschlägt. Oft fühle ich mich dann gleichgültig und irgendwie gelähmt. Aber die Menschen im Stich zu lassen und wegzugehen ist für uns keine Option.

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Ein Bild aus besseren Tagen: Bevor er Priester geworden ist, war Pater Artur Konditormeister. Im kath. Fernsehen der Ukraine hat er vor dem Krieg eine populäre Kochsendung geleitet. In dieser Sendung hat er Rezepte gezeigt und Glaubensfragen besprochen

Spendenkonto

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Verlag der Oblaten

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