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Orientierung
Philipp Neri

Was den zweiten Apostel Roms ausmachte

Philipp Neri stammte aus dem Florenz des 16. Jahrhunderts. 1515 wurde er in eine Stadt und eine Zeit der Widersprüche hineingeboren. Auf der einen Seite war Florenz ein Hort des Humanismus und der Freiheit der Künste, die an antiken Idealen ausgerichtet war. Auf der anderen Seite eine Stadt, die in einen fast religiösen Furor fällt, der vom Dominikanermönch Savonarola entfacht wurde, der in Florenz ein neues Jerusalem errichten wollte.

Das hat Philipp Neri geprägt: der Drang zum Unkonventionellen; der Wunsch, Menschen zusammenzubringen; sein Bedürfnis nach Freiheit. Zugleich Philipps eifernde Frömmigkeit, geprägt von der Sorge um die Seelen. Er war erfüllt von der Aufgabe, den Menschen Jesus Christus nahe zu bringen.

Doch nicht Florenz wurde zum entscheidenden Wirkungsort Philipps, sondern Rom. Bereits als junger Mann zog er in die Hauptstadt. Dort lebte er zunächst im Viertel der Florentiner. Er arbeitete als Hauslehrer und widmete sich der Versorgung von Pilgern, Armen und Kranken, für die er die Bruderschaft von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit gründete. Daneben war er auf den Straßen, in den Kirchen und den Katakomben der Stadt unterwegs. Bei den Gräbern der ersten Christen empfing Philipp auch Visionen, die ihn für den Rest seiner Tagebegleiten sollten.

Wie ein Mönch, nur ohne Regel

Relativ spät erst ließ sich Philipp zum Priester weihen und schloss sich an die Bruderschaft della Carita an, die an der Kirche San Girolamo wirkte. Er trat dieser Bruderschaft aber nicht bei, sondern lebte mit ihr lediglich unter einem Dach. Auf diese Weise kam er zu einer Mönchszelle in einer klösterlichen Umgebung, war aber keiner Regelverpflichtet.

Wie als Laie, so zog er auch als Kleriker Menschen in seinen Bann. Seine unkonventionelle Art, direkt, reich an Späßen, aber auch von einer so praktischen wie intensiven Frömmigkeit geprägt, wirkte offensichtlich. Und so entstand unter dem Dach von San Girolamo ein erstes Oratorium. Das war noch keine feste Gemeinschaft, eher eine Art Klubraum, wo sich Menschentrafen, beteten, sangen, sich über religiöse Fragen austauschten und Vorträge hörten.

Aus diesem Oratorium entstand eine Lebensgemeinschaft: Kleriker und solche, die es werden wollten, schlossen sich ihr an. Sie blieben, wie Philipp, Weltpriester und lebten doch nach den ihnen von Philipp Neri gegebenen Anweisungen. Der freilich fühlte sich nicht als Gründer einer Gemeinschaft und gar eines Ordens, wie zur gleichen Zeit etwa von Ignatius von Loyola in seiner Nachbarschaft. Seine Unabhängigkeit wollte er auch gegenüber seiner Gemeinschaft wahren.

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San Girolamo, in deren Schatten Philipp die längste Zeit seines Lebens wirkte

Ein unverstellter Heiliger

Philipp hinterließ keine eigenen Schriften. Lediglich Erzählungen sind von ihm geblieben sowie die sogenannten Maximen, die freilich erst mehr als 100 Jahre nach seinem Tod zusammengestellt wurden.

So bleibt das Seelenleben Philipps dem Betrachter verschlossen. Glaubt man den Berichten und Überlieferungen, war das spirituelle Erleben Philips von ungewöhnlicher Intensität, sodass er bei der heiligen Messe regelmäßig in Ekstase geriet. Freilich, zur Schau wollte er das nicht stellen. In ihrer Biografie über Philipp schreibt Birgitta zu Münster: „Es war ihm eine Pein, zu wissen, dass er auffiel und dass andere Zeuge seines tiefsten inneren Erlebens wurden.“

Worin liegt aber das Geheimnis jenes Heiligen, das ihn bis heute so populär sein lässt?

Es ist vielleicht gerade das Fehlen von theoretischen Erörterungen und umfangreichem Schrifttum. Texte wie die Exerzitienbücher des Ignatius von Loyola richten sich an einen abstrakten religiösen Leser; sie gewinnen ihre Kraft für viele dadurch, dass sie so geschrieben sind, dass sie unterschiedliche Impulse enthalten, um verschiedene Menschen zu erreichen. Die Persönlichkeit erfolgreicher spiritueller Autoren wird aber auch aus ihren Schriften gedeutet. Andere Gestalten wie Dominikus treten hinter ihr Werk, ihren Orden zurück, ihr Charisma drückt sich in der Verfassung ihrer Gemeinschaft aus.

Philipp Neri dagegen sprach nur zum Menschen selbst: in einer konkreten Situation zu einem konkreten Menschen. Das Anekdotenhafte ist daher das grundlegende Charakteristikum seines Redens und Wirkens. Er hielt sich nicht damit auf, etwas theologisch zu erörtern. Er war ein Macher, der sich in eine Situation stürzte und dabei ein feines Gespür für die Menschen und den Auftrag Gottes besaß.

Ein Beispiel hierfür ist Caesare Baronio. Der junge Baronio war, wie sein Lehrer, zutiefst davon überzeugt, dass die menschliche Seele vor der ewigen Verdammnis gerettet werden müsste. Deswegen sprach er im Oratorium besonders gerne von den Höllenstrafen. So sehr, dass Philipp dazwischenging: Er gab Baronius die Anweisung, fortan über Kirchengeschichte zu sprechen.

So stammt die Faszination, die bis heute von Philipp Neri ausgeht, nicht von einer Struktur oder Texten, sondern aus dem Charisma der Persönlichkeit, die Menschen direkt auf der Straße ansprach und dabei eine Radikalität der Christusnachfolge lebte, die Menschen bewegte.