Fastnacht - Sündenbabel oder Vorhof zum Paradies?
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Freitag, 17. Februar 2023

Sündenbabel oder Vorhof zum Paradies?

„Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.“

Es klingt wie die Verheißung des Paradieses. Doch es ist die Beschreibung eines Neujahrsfestes des Stadtkönigs Gudea aus dem südlichen Mesopotamien, vermutlich um das Jahr 2120 v. Chr.

Diese Inschrift ist einer der ältesten Hinweise auf ein Fest, in dem die bestehende Ordnung zeitweise aufgehoben wird. Solche Feste sind in allen Kulturen des Mittelmeerraums nachweisbar und werden häufig um den Jahreswechsel oder in der Nähe des Frühlingsanfangs gefeiert.

Feste, in denen die Ordnung aufgehoben oder umgekehrt wird, sind auch aus dem Mittelalter überliefert. Am 28. Dezember etwa, dem Tag der unschuldigen Kinder, wurde in manchen Orten ein Kinderbischof gewählt. Am Dreikönigstag wurden in einigen Regionen Narrenfeste veranstaltet, in denen kirchliche Rituale parodiert wurden.

Bevor das Fleisch fehlt, isst man Kreppel

Die Entstehung des derzeit bekannten Fastnachtsbrauchtums hängt mit der Fastenzeit zusammen. Sobald sich der Termin des Aschermittwochs im Mittelalter als Beginn der Fastenzeit etabliert hatte, bilden sich Fastnachtsbräuche in den Tagen davor aus.

Auf diesen Zusammenhang verweist schon der Name:

Das Wort Fastnacht stammt von mittelhochdeutsch vastnaht und bedeutet ‚Vorabend vor der Fastenzeit‘. Der alternative Begriff Karneval leitet sich vermutlich vom mittellateinischen carne levare ab - Fleisch wegnehmen.

Das verweist auf einen weiteren Aspekt des Ausnahmezustandes in der Fastnacht – neben der Umkehrung der Ordnung: dem bewussten wilden Konsum von Speisen, die dann in der Fastenzeit verboten sind: etwa Alkohol, Fett-, Zucker oder fleischhaltigen Speisen. Ein Beispiel hierfür ist der Kreppel, im Süden Krapfen genannt.

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Den Kreppel gibt es dieser Tage mit allen möglichen Füllungen und Güssen

Niedergang und Wiederaufstieg der Fastnacht

Spätestens seit dem 14. Jahrhundert sind in vielen deutschsprachigen Regionen Fastnachtsbräuche überliefert. Damals waren es vor allem die Handwerker und die ärmeren Schichten, die an den Feiern teilnahmen und sie organisierten. Die Kirche stand dem Treiben kritisch gegenüber, akzeptiere ihn aber als kontrollierten Kontrollverlust. Diese Toleranz brachte die protestantischen Konfessionskirchen nicht auf. Wo sich die Reformation durchsetzte, verlor sich das Fastnachtsbrauchtum.

Einen weiteren Einschnitt stellten die Aufklärung und die Umwälzungen nach der Französischen Revolution dar. So war zu Beginn des 19. Jahrhunderts an vielen Orten die Fastnacht weitgehend ausgestorben. Doch im vermeintlichen Ende kündigte sich schon die Wiedergeburt an.

Was die Aufklärung an der Fastnacht ablehnt, das schätzte die Romantik: Das vermeintliche Urwüchsige, das Rauschhafte. So kam es zu einer „romantischen Revolution“ in der Fastnacht. In Köln etwa fand 1823 wurde ein neues Komitee gegründet. Freilich waren es nicht mehr die Handwerker und Zünfte, sondern das Bürgertum, die Träger des neuen Brauchtums waren.

Neben den rheinischen Fastnachts- und Karnevalstraditionen ist die schwäbisch-alemannische Fasnet am bekanntesten. Neben vielen Gemeinsamkeiten gibt es auch einige Unterschiede, die den Reiz dieser regionalen Tradition ausmachen. Äußeres Zeichen der Unterscheidung sind etwa die Larven, die holzgeschnitzten Masken. Sie werden während der Umzüge Fasnet getragen und geben Auskunft über die Zugehörigkeit zur jeweiligen Zunft. Sie sind erstmals im 15. Jahrhundert nachweisbar.

Die Fasnet erlebte dabei in den vergangenen Jahrzehnten einen Boom: Allein seit den Neunzigerjahren wurden mehr als 1000 neue Fasnet-Vereine gegründet; mittlerweile gibt es ca. 1700.

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Die schwäbisch-alemannische Fasnet zeichnet sich unter anderem durch die Larven aus

Erst feiern, dann einen Sündenbock verbrennen

Die Hauptphase beginnt bei den meisten Traditionen am Donnerstag vor Aschermittwoch. Die großen Umzüge finden in den rheinischen Zentren Köln, Mainz und Düsseldorf am Rosenmontag statt. Kleinere Umzüge in der Umgegend werden entsprechend auf das Wochenende oder auf den Dienstag vor dem Aschermittwoch gelegt.

Denn am Mittwoch ist dann alles vorbei. In manchen Regionen wird dann symbolisch eine Strohpuppe verbrannt, als Verantwortliche für alle Verfehlungen und Sünden, die während der Fasnacht begangen worden. Alternativ wird eine Puppe zu Grabe getragen. Der alte Gedanke des Sündenbocks taucht hier auf.

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In der Fastnacht kann man sich und den anderen neu sehen

Wenn der Clown dein Nächster ist

Auch durch einen weiteren Aspekt wird man vor den Konsequenzen der eigenen Sünden geschützt: Der Verkleidung.

„Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur selten dazu“, hat der Schriftsteller Ödön von Horváth geschrieben. Das ist in der Fastnacht möglich. Man kann für eine definierte Zeit in der Anonymität eine neue Rolle ausleben. Das ist durchaus auch politisch. So nutzten die Narren in der Fastnacht das „Rügerecht“: In ihren Kostümen konnten sie die Obrigkeit anklagen, ohne Repressalien fürchten zu müssen. Daran erinnern bis heute die Motivwagen.

Die Fastnacht bietet also ein komplexes Brauchtum, in der die Regeln der bestehenden Ordnung aufgedeckt werden, indem man sie kurzfristig überwindet. Obwohl die Kirchen mit der wilden Feier fremdelten, verbindet sich nicht nur der Termin die Fastnacht mit dem Christentum.

Nicht zuletzt ist es der gemeinschaftliche Charakter der Feiernden, der an die Botschaft Jesu erinnert. Wenn die soziale Ordnung außer Kraft gesetzt ist, dann wird in seiner Verkleidung jeder zum nächsten des anderen. So wird für manche Feiernden die Fastnacht zum Vorboten des Paradieses.

Fotos

Header-Foto: Frank Kovalchek (Wikimedia Commons)

Foto Kreppel: Bru-nO (pixabay)

Foto Fasnet: Couleur (pixabay)