Orientierung

Ein Blick auf das wahre Kreuz

Menschen, die von einem Holz einen Splitter abbeißen, um ihn als wundertätiges Objekt mit nach Hause nehmen zu können, – die sind in Westeuropa dieser Tage eine Seltenheit. Doch wurde ein Kreuz einst so sehr verehrt, dass so etwas vorkam.

Natürlich ging es dabei nicht um irgendein Kreuz, – sondern um jenes Holz, an das Jesus selbst angeschlagen worden sein soll. An die Bedeutung der Kreuzreliquie erinnert bis heute das Fest Kreuzerhöhung.

Vergessene Kirchweihe

Dessen Ursprung liegt in der Weihe der Jerusalemer Grabeskirche. Ab der Zeit Konstantins des Großen wurden an vielen Orten im römischen Imperium monumentale Kirchen errichtet. Unter anderem auch in Jerusalem, wo über dem leeren Grab Christi die Anastasis gebaut wurde, jene Rotunde, die bis heute das Aussehen der Grabeskirche prägt.

Zur Kirchweihe am 14. September wurde schon früh eine Kreuzreliquie ausgestellt. Sie war zusammen mit dem Grab das wichtigste religiöse Objekt in Jerusalem – und weist eine komplexe, ungeklärte Vergangenheit auf.

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Rotunde der Grabeskirche auf einer schematischen Zeichnung aus dem 7. Jahrhundert

Woher kommt das Kreuz?

Nach dem Tod Jesu am Kreuz schenken die Bibel wie die Kirchenväter dem konkreten Holz keine Beachtung mehr. Es taucht erstmals wieder im 4. Jahrhundert auf. Der Ursprung der Auffindung ist legendär und in drei Versionen überliefert. Nach der prominentesten Legende hat Helena, die christliche Mutter Konstantins, das Kreuz in den 320er-Jahren aufgefunden, als sie das Heilige Land besucht hat.

Freilich: In den 320er-Jahren gibt es keine Zeugnisse über Kreuzreliquien. Die ersten Berichte werden erst unter Bischof Kyrill von Jerusalem (313-386) erwähnt, die Auffindung dort aber in die Zeit Kaiser Konstantins (verst. 337) datiert. Als relativ gesichert kann angesehen werden, dass die aufgefundene Kreuzreliquie früh geteilt wurde: Ein Teil blieb in Jerusalem, zwei gelangten nach Rom und Konstantinopel.

Nachahmung in den Ortskirchen

Das in Jerusalem verbliebene Stück wurde jeweils am 14. September den Gläubigen gezeigt, indem es hochgehalten und von der Menge verehrt wurde. Eine individuelle Verehrung geschah am Karfreitag. Im Laufe der folgenden drei Jahrhunderte wurde das Herzeigen des Kreuzes immer wichtiger und überlagerte die eigentliche Kirchweihe.

Dass diese Erhöhungssymbolik schnell die dominierende Rolle spielte, hing auch damit zusammen, dass sie in anderen Ortskirchen nachgeahmt werden konnte. Im vierten Jahrhundert gab es in der römischen Christenheit weder eine einheitliche Liturgie noch einen einheitlichen kirchlichen Kalender. Die Dominanz des stadtrömischen Missales lag noch in weiter Ferne. Doch gab es einen Austausch der Ortskirchen, indem auch liturgische Bräuche übernommen wurden.

Das Fest Kreuzerhöhung wurde daher zunächst dort begangen, wo es ebenfalls Kreuzreliquien gab. Später kamen auch andere Orte hinzu, wo man nur eine Nachbildung des Kreuzes verehrte – das Fest entkoppelte sich von der Präsenz der Reliquien vor Ort.

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In der Kirche Santa Croce in Gerusalemme wurde das Kreuz in Rom aufbewahrt

Ein wundertätiges Objekt

Dafür fand das Thema Eingang in die Leseordnung des Tages. Dominant ist bis heute in der römischen Liturgie der Zeige-Charakter des Festes:

Im Buch Numeri 21,4-9 wird erzählt, wie eine Kupferschlange von Mose an einer Stange aufgehängt, die Israeliten rettete, die zu ihr aufblickten. Von der Erhöhung spricht auch das Johannesevangelium 3,13-17, das die Erhöhung Christi mit jener Erhöhung der Kupferschlange in Verbindung brachte.

Besonders Numeri verweist noch auf die Vorstellung, dem Kreuzesholz komme wundertätige Kraft zu. In der Antike und im Mittelalter gab es eine quasi-magische Vorstellung von Reliquien: Demnach besaßen Reliquien eine wundertätige Kraft, die aus der bleibenden Verbindung zum Heiligen entstand. Welche Bedeutung man solch wundertätigen Reliquien zumaß, zeigt die Verehrung des Kreuzes in Jerusalem am Karfreitag. Auf Golgota wurde dort das Kreuzesholz dem Volk zur Verehrung gezeigt, wobei der Bischof es festhielt und mehrere Diakone daneben postiert waren.

Den Grund für diese Sicherheitsmaßnahme beschreibt eine Pilgerin aus Südgallien, Egeria, im ausgehenden vierten Jahrhundert: Die Gläubigen „verbeugen sich vor dem Tisch, küssen das heilige Holz und gehen weiter. Und weil irgendwann einmal jemand zugebissen und einen Splitter vom Kreuz gestohlen haben soll, wird es nun von den Diakonen …. so bewacht, dass keiner, der herantritt wagt, so etwas wieder zu tun.“

Ein Kreuz auf Reisen

Die weitere Geschichte des Kreuzes in Jerusalem ist wechselhaft: Immer wieder wurden kleine Stückchen herausgebrochen, um sie anderen Ortskirchen zu schenken. Der Rest wurde 614 durch den Perserkönig Chosrau II. nach der Eroberung Jerusalems geraubt und bis 628 in dessen Hauptstadt Ktesiphon aufbewahrt. Dann konnte es der oströmische Kaiser Herakleios in einem Krieg zurückgewinnen. Zunächst brachte er es nach Konstantinopel und 630 oder 631 nach Jerusalem zurück.

Laut byzantinischer Überlieferung wurde es aber 635 wieder in die Hauptstadt des oströmischen Reiches verbracht, um es von den einfallenden Arabern zu schützen. Die Kreuzfahrer behaupteten später, das Kreuz sei hingegen versteckt und von ihnen wieder aufgefunden worden. Dessen Spuren verlieren sich in der Schlacht von Hattin 1187, als ein Heer des Königreichs Jerusalem, das Kreuz mitführend von Sultan Saladin vernichtend geschlagen wurde.

Die in Konstantinopel aufbewahrten Reliquien kamen bei der Eroberung der Stadt durch ein Kreuzfahrerheer 1204 größtenteils als Beute ins lateinische Europa; weitere Stücke wurden später durch die Kaiser Konstantinopels verkauft.

Das echte Kreuz?

So hat das Kreuz Christi ein Schicksal erfahren, typisch für religiöse Symbole der Gründungsphase einer Religion: Seine Wirkung lässt sich beobachten, aber sein Ursprung liegt im legendarischen Dunkel. Ob eine der Kreuzreliquien, die heute vielerorts verehrt werden, wirklich einst zu dem Holz gehörte, dass den Leib Jesu getragen hat, kann nicht beantwortet werden.

Für einige der als heiliges Kreuz verehrten Hölzer kann zumindest angenommen werden, dass sie seit dem vierten Jahrhundert als Reliquien angesehen wurden: so bei den Kreuzpartikeln der Limburger Staurothek. Dieses Objekt stammt vom byzantinischen Hof, der bis ins 13. Jahrhundert eine ununterbrochene Tradition seit der römischen Zeit aufweist. Indizien sprechen zudem dafür, dass wenigstens ein Teil der verehrten Hölzer aus der Zeit Jesu stammen könnte.

Doch wie relevant ist die Echtheit der Kreuzreliquien?

In unserer Zeit würde es wohl keinem Westeuropäer einfallen, in ein Kreuz zu beißen, um wundertätige Splitter zu entnehmen. Reliquien dienen im westlichen Christentum vor allem als Erinnerungsorte, die eine ideelle Verbindung zum Heiligen herstellen. Die Authentizität des Gegenstandes ist damit hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Für ihre Wirkung ist die Haltung des Gläubigen relevant, nicht eine objektiv der Reliquie innewohnende Wunderkraft.

„Dein Glaube hat dir geholfen“. Dieser Satz Jesu kann das Verhältnis im westlichen Christentum erhellen, für den die Reliquie ein Konzentrationspunkt der eigenen Glaubenserfahrung ist.