Orientierung

Bei deinem Namen habe ich dich gerufen

Wenn jemand unseren Namen im Gespräch nennt, sei das wie ein Kompliment, behauptet Dale Carnegie in seinem Klassiker „Wie man Freunde gewinnt“. Schließlich möchten wir wahrgenommen werden. Werden wir mit Namen angesprochen, fühlen wir uns gleich gemeint, weil wir uns damit identifizieren. Diese ‚Magie unseres Namens‘ hängt mit alten Traditionen zusammen, von denen auch das Christentum einige kennt.

Der Name im Alten Testament

Im Alten Testament wie im antiken Orient ist ein Name nicht nur eine Bezeichnung für eine Person. Er verweist auch auf deren Wesen. Entsprechend ist es nicht nur ein formaler oder praktischer Akt, als der Mensch in der biblischen Schöpfungsgeschichte den Tieren einen Namen gibt; er legt damit auch einen Teil von deren Wesen fest und hat dadurch Anteil am Schöpfungswerk Gottes (vgl. Gen 2,19f).

Der geheimnisvollste Name in der Bibel ist der Gottes selbst. Für das Judentum ist schon der Name, der im hebräischen JHWH ausgeschrieben wird, heilig. Er wurde daher in der Aussprache durch andere Formulierungen wie Adonai, Herr, ersetzt. Das Wissen um den israelitischen Namen Gottes ging daher vermutlich im ersten Jahrhundert verloren. Da das Hebräische damals eine reine Konsonantenschrift war, gerieten die Vokale in Vergessenheit.

Die Selbstbezeichnung der Dornbuschszene, die eher eine Namensdeutung ist, lässt sich schwer übersetzen: „Ich bin der, ich bin da“, ist im deutschen Sprachraum beliebt; die Septuaginta, das griechische Alte Testament, übersetzt „Ich bin der Seiende“ (altgriech. egô eimi ho ôn). Die aktuelle Einheitsübersetzung bietet an: Ich bin, der ich bin“.

Namensänderungen kommen schon im Alten Testament vor. Am bekanntesten ist der Wechsel bei Abraham. Der hieß ursprünglich Abram, seine Frau Sarai (vgl. Gen 17,5). Und auch Israel war zunächst ein Eigenname, als Jakob ihn erhielt (vgl. Gen 33,10).

Namensänderungen bei Taufe und Firmungen

Schon seit der Antike sind Namenswechsel bei der Taufe bekannt. Cyprian von Karthago nahm dabei den Namen Caecilius an. Auch im Mittelalter setzt sich diese Tradition fort, etwa als Papst Sergius dem König Caedwalla von Wessex zur Taufe den Namen Petrus gab. Eine Tradition, die bis heute besteht: Außerhalb des christlichen Kulturraumes erhalten häufig Neugetaufte einen ‚christlichen‘ Namen neben ihrem einheimischen.

Auch bei Firmungen kann ein neuer Name ins Spiel kommen. Der Heilige dieser Benennung sollte dann ein besonderer Fürsprecher für den Gefirmten sein. Allerdings handelt es sich dabei in der Regel nur um eine Ergänzung, nicht um einen Wechsel. Und bis heute gibt es in manchen Gegenden die Tradition, einen Patron bei der Firmung zu erhalten; freilich, ohne dessen Namen zu übernehmen.

Vorschau
Ignatius von Loyola und seine Gefährten verzichteten bewusst auf die Tradition, sich neue Namen zu geben. Dieser Tradition folgen die meisten männlichen Kongregationen bis heute. Gemälde von Peter Paul Rubens (WikiCommons)

Von Alpha zu Schwester Dagoberta

Ebenfalls am Ausgang des Mittelalters liegt eine Veränderung der Namenstradition in den Orden. Über die Praxis von Namensänderungen beim Klostereintritt im frühen Mönchtum ist relativ wenig bekannt. Sie scheint nur an wenigen Stellen auf, etwa bei Pachominos (ägyptischer Klostergründer, 292-346), in dessen Regel die Brüder einen bestimmten Buchstaben zugewiesen bekamen. Die Benediktsregel weiß von Namensänderungen nichts. Die Forschung geht davon aus, dass die geringe Erwähnung der Praxis mit einer geringen Bedeutung im klösterlichen Alltag zusammenhängt.

Erst ab dem 15. Jahrhundert verbreiteten sich Namensänderungen in Orden. Das mag auch damit zusammenhängen, dass im gleichen Zeitraum die Namensvielfalt in Europa abnahm. Dadurch gab es immer häufiger zwei oder sogar noch mehr Personen gleichen Namens innerhalb einer Gemeinschaft. Mit der Einführung von Neubenennungen konnten solche Häufungen reduziert werden. Im 16. Jahrhundert hatte sich das in vielen Gemeinschaften durchgesetzt. So trug etwa Martin Luther als Augustiner den passenden Klosternamen Augustin.

Gleichzeitig begann in diesem Jahrhundert eine Gemeinschaft ihre Geschichte, die sich bewusst von dieser und anderen Traditionen abgrenzte: die Jesuiten. Auch die in deren Vorbild gegründeten Gemeinschaften verzichteten auf die Neubenennungen. In den übrigen Orden hingegen setzte sich der nunmehr als monastische Tradition verstandene neue Name bis ins 17. Jahrhundert weitgehend durch.

Im 19. Jahrhundert nahmen vor allem die zahlreichen neuen Frauenkongregationen diese Tradition auf. Sie wuchsen rasch auf bis zu 1000 Schwestern und darüber hinaus. Dennoch hielten sie an dem Prinzip fest: Ein Name durfte nur einmal vorkommen. Das führte dazu dass außergewöhnliche und auch unliebsame Varianten vergeben wurden und auf die Vorstellungen der neuen Schwester keine Rücksicht genommen werden konnte. War die Auswahl an Heiligen erschöpft, griffen die Oberen entweder auf die weibliche Form von Männernamen wie Dagoberta oder auf solche mit Wortbedeutungen zurück, etwa Purifikata oder Veritas.

Änderungen durch das Vatikanum II

In der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde auch die Praxis der Namensänderung überdacht. Viele Gemeinschaften stellten es ihren Mitgliedern nun frei, ihren Taufnamen zu behalten oder einen neuen anzunehmen. Dahinter stand unter anderem der theologische Ansatz des Konzils, der die Taufgnade stärkt und auch das Ordensleben in dieser Perspektive deutet. Welche Heilige uns in unserem Namen durch das Leben begleiten, spielt von dorther eine große Rolle. Welche sind es denn bei Ihnen?