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Kolumbien

Migrationskrise im Dschungel - Wenn allein die Kirche hilft

Necocli - Schwester Ana Alicia Fajardo Bastidas strahlt: Auf der Baustelle in Necocli geht es voran. Hier, im Norden von Kolumbien, an einem der Hotspots der weltweiten Migrationsbewegungen, entsteht eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, die sich auf den lebensgefährlichen Weg durch den Darien-Dschungel machen. "Wir planen einen Speisesaal, eine Gesundheitsstation und auch ein paar Schlafplätze", sagt die Franziskanerin. Kurz vor Weihnachten soll alles fertig sein, so steht es zumindest im Plan. Dann gäbe es inmitten eines Infernos einen Lichtblick für die Migranten.

Im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Panama spielt sich in diesem Jahr ein Massenexodus historischen Ausmaßes ab. Fast eine halbe Million Menschen durchquerten seit Jahresbeginn den lebensgefährlichen Dschungel Darien - so viele wie nie zuvor. Die meisten Geflüchteten stammen aus Venezuela.

Unter dem Motto "Flucht trennt. Hilfe verbindet" ruft die diesjährige bundesweite Weihnachtsaktion der katholischen Kirche die Menschen in Deutschland zur Solidarität auf: für die Chance der Flüchtenden in Lateinamerika und der Karibik auf ein menschenwürdiges Leben. Die Weihnachtskollekte zugunsten des Hilfswerks Adveniat findet am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands statt - und ist genau für diesen Zweck bestimmt.

"Die Leute glauben, sie könnten einfach weitergehen. Aber hier stehen sie am Meer und kommen nicht weiter. Denn die Überfahrt kostet viele Dollars, die sie nicht haben. Das ist wie eine Mauer", berichtet Schwester Maria Juliana. "Also bleiben die Migranten eine Zeitlang hier und versuchen sich neu zu organisieren. Und wir helfen Ihnen mit Lebensmitteln, mit Medikamenten, Gesundheitsversorgung, einem Platz zum Schlafen."

Ein Übersetzen mit dem Boot kostet etwa 80 Dollar pro Person - bei einer fünfköpfgen Familie macht das 400 Dollar. Im Dschungel wird eine "Durchgangssteuer" an den "Clan del Golfo" von 80 Dollar fällig, der das Gebiet kontrolliert. Guides, die die Migranten bis an die Grenze Panamas bringen, nehmen dafür 250 Dollar. Für viele ist das unbezahlbar, und sie stranden hier.

Dann ist die Kirche der einzige Rettungsanker, der immer präsent ist. Also entstehen große Zeltlager in Necocli. Und mit den Zelten kommen die lebensnotwendigen Bedürfnisse wie Trinkwasser, Nahrungsmittel, Medikamente und Zuspruch.

Die Franziskanerinnen organisieren unter der Woche Mahlzeiten und kommen mit den Menschen ins Gespräch. Manchmal sehen sie dabei die grauenhaften Bilder auf den Handys derjenigen, die auf die Weiterreise warten. Geschickt von denen, die schon durchmarschiert sind und die nachrückenden Landsleute warnen wollen. Zu sehen sind nackte Frauenleichen, missbraucht und dann weggeworfen wie ein Stück Müll. Verletzte Migranten, die mitten im Dschungel zurückgelassen werden, weil ihnen niemand helfen kann. Verzweifelt um Hilfe rufende Kinder, die in den unberechenbar ansteigenden Flüssen weggeschwemmt werden und dann ertrinken.

Besonders gefährdet sind Mädchen und Frauen, sagt Monika Lauer-Perez, die im Auftrag von Adveniat die Kolumbianische Bischofskonferenz berät: "Frauen und junge Mädchen sind sehr oft sexueller Gewalt ausgesetzt. Und dann gibt es die organisierte Kriminalität, die die Notsituation der Migrantinnen ausnutzen. Und schließlich - was sich erst später bemerkbar macht - die psychologischen Traumata dieser sehr ungewissen Reise."

Allein im September haben Fünfzigtausend Venezolaner den Darien durchquert. Auf der Flucht vor einem sozialistisch-autokratischem Regime, das sich seit fast einem Vierteljahrhundert an der Macht hält. Bis heute haben sieben Millionen Menschen Venezuela verlassen; das ist fast ein Viertel der Bevölkerung. Die Wirtschaft ist am Boden, die Opposition kaltgestellt. Die Macht wird von korrupten Generälen verteidigt.

Die ganze Stadt Necocli ist inzwischen auf das Geschäft mit den Migranten eingestellt. Es gibt Läden, die sich auf die Ausstattung für den Fußmarsch durch den Dschungel spezialisiert haben: Wanderschuhe, Iso-Matten, Gaskocher, sogar Außenbordmotoren. Früher, so berichten die Einheimischen, gab es gerade mal zwei, heute über 20 Schnellboote, die die Migranten übersetzen.

Schwester Maria Juliana sagt, viele der Venezolaner seien vorher in Peru, Ecuador, Brasilien, Argentinien oder Chile gewesen. "Sie sind hier zwei Jahre geblieben, dann dort drei Jahre. Und jetzt hängen sie hier fest. Die größte Herausforderung für sie ist, einen Zufluchtsort zu finden. Damit sie wenigstens ein Dach über dem Kopf haben und sich neu organisieren können." (KNA)