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Wo sie sich über Obdachlose freuen

Die Gesichter der Armut – im Zuhör-Zentrum in Pilsen treten sie einem gegenüber. Hier treffen sich Obdachlose. Menschen, denen es an Heimat und Bindung fehlt, sollen hier einen Ort finden „an dem sie fühlen, dass wir uns über ihren Besuch freuen. Denn überall sonst werden sie als Problem wahrgenommen“, sagt Pater Martin Sedloň OMI, der das Projekt mit initiiert hat.

Die Ausgeschlossenen

Ein wichtiges Merkmal von Obdachlosigkeit ist, dass die Betroffenen aus ihrer Umgebungsgesellschaft ausgeschlossen sind. Häufig haben andere Menschen Angst vor ihnen. Das ist auch nicht immer unberechtigt. Viele Obdachlose seien innerlich verwundet und daher mitunter aggressiv, so P. Sedloň. „Aber je öfter wir sie bei unseren Veranstaltungen treffen, wo sie Akzeptanz erfahren, desto mehr verschwindet die Aggression.“

Der Prozess der Isolation sei wechselseitig. Martin Sedloň vergleicht das mit einer sozialen Behinderung. Laut seiner Erfahrung haben viele, die ins Zuhör-Zentrum kommen, ein mentales Alter von zwölf oder dreizehn Jahren.

Ein weiteres Problem ist der Alkohol, der ihr Leben häufig bestimmt und sie psychisch oder sozial zerstört. Unter den jungen Obdachlosen ist auch der Konsum anderer Drogen ein großes Problem.

Viele Obdachlose kommen weder mit ihrer Umgebung klar, noch mit sich selbst oder anderen Menschen, die ebenfalls auf der Straße leben. „Wenn wir sie dann fragen, warum sie nicht in ein Wohnheim gehen und wir ihnen dabei helfen wollen, einen Platz zu finden, hören wir oft, dass sie dort nicht hin wollen, weil dort viel gestritten wird.“

Manche der Menschen ohne festen Wohnsitz sind laut P. Sedloň aufgrund ihrer psychischen Wunden nicht in der Lage, eng mit anderen zusammenzuleben. Eine Lösung könnte betreutes Wohnen sein, wo sie begleitet werden, aber ein eigenes Zimmer und somit einen Rückzugsraum hätten.

Ihre Verwundungen führen auch dazu, dass viele Obdachlose keiner Arbeit nachgehen können. Viele haben schon in ihrer Kindheit und Jugend nicht gelernt, sich selbst zu disziplinieren.

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Wenn Heilung beginnen kann

Inspiriert wurde das Konzept des Zuhör-Zentrums von ähnlichen Projekten aus Italien.

Dort hat Martin Sedloň studiert, von dort hat er die Idee mitgebracht. Das Projekt in Tschechien beginnt mit Gottesdiensten für Obdachlose, die einmal im Monat stattfinden. Nach dem Gottesdienst können die Menschen bleiben, um eine Suppe zu essen und sich auszutauschen. Diese Gottesdienste werden regelmäßig von etwa 50 Personen besucht.

Doch nicht nur die Obdachlosen sind Zielgruppe des Projektes, das vom Verein „K SRDCI,z.s.“– „ZUM HERZEN e.V.“ getragen wird.

Es geht auch um die Menschen, die um sie herum leben. Diese, aus der Sicht der Obdachlosen, „Anderen“ sollen die Chance bekommen, die Menschen der Straße kennenzulernen. „Vielleicht können sie dann ganz andere Erfahrungen mit ihnen machen.

Ideal wäre es, wenn man wechselseitig merkt, der andere lächelt mich an, kann freundlich sein und ist wirklich ein netter Mensch. Wir wollen einfach dazu beitragen, Vorurteile abzubauen”, so P. Sedloň.

Für ihn gehört die Arbeit mit Obdachlosen zu seiner Mission als Oblate. Er hat sich schon lange der Arbeit mit den Ärmsten und den Ausgeschlossenen gewidmet. Früher war er in der Pastoral mit den Roma beschäftigt. „Ich habe mich schon immer zu denen hingezogen gefühlt, die es im Leben nicht leicht haben.“

Dabei liegt der Schwerpunkt nicht darauf, nur über den Glauben an Gott zu sprechen, sondern den „Glauben zu vermitteln, dass jedes menschliche Leben ein Geheimnis Gottes ist, dass jedes menschliche Leben unmittelbar mit Gott zusammenhängt; dass jeder Mensch für Gott wichtig ist.“

Das eigene Leben in die Hand nehmen

Für Menschen, die diese Erfahrung machen, schließt sich etwas vom Geheimnis des Lebens auf, meint P. Sedloň. Obdachlosen fehlt es häufig an Selbstwertgefühl – im eigentlichen Sinn des Wortes: Sie haben kein Gefühl für ihren eigenen Wert. Wenn sie Akzeptanz finden und diese auch annehmen können, entsteht überhaupt erst die Grundlage, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

Doch der Wiedereinstieg in die Gesellschaft ist schwer. Arbeit kann Zuversicht geben, wenn sie die Kräfte eines Menschen nicht übersteigt. Begleitung, Geduld und Förderung sind daher wichtig für diesen Prozess.

Hilfreich für einen ersten Schritt können etwa ehrenamtliche Tätigkeiten sein. „Es ist uns bereits zweimal gelungen, unsere obdachlosen Freunde zum Müllsammeln in der Nähe der Jesuskindkirche und des Flusses Radbuza einzuladen, und wir waren von ihrer Bereitschaft, ihrem Engagement und ihrer Begeisterung wirklich überrascht“, so P. Sedloň.

Obdachlosen eine Perspektive zu geben ist für ihn eine Aufgabe, welche die ganze Gesellschaft angeht. Und dafür gibt es auch schon Vorbilder: „Ich kann von den Erfahrungen eines Kollegen aus Tabor berichten, wo regelmäßig zehn bis fünfzehn Obdachlose kamen, um die Stadt zu reinigen. Er finanzierte ihre Vergütung selbst. Heute haben zehn von ihnen einen regulären Vertrag mit der Stadt, und es werden immer mehr.“

Fotos

OMI Tschechien