Befremdliche Verehrung
Zu meinen irritierenden Erfahrungen als Katholik gehören meine Besuche in manchen weihrauchschwangeren Barockkirchen – wegen der Seitenaltäre, auf denen in Glassarkophagen Knochengestalten präsentiert werden: echte Skelette, fast vollständig erhalten, mit Gewändern und Juwelen verziert. Ich gebe zu: Das ist nicht meine bevorzugte Form der Spiritualität. Dennoch empfand ich es ebenso als befremdlich, als ich am Grabort der hl. Teresa von Avila ihre Herzreliquie in einer Vitrine ausgestellt fand, wie ein beliebiges Museumsstück.
Reliquien sorgen 2026 für Massenandrang
Derzeit ist sich der Reliquienkult in der katholischen Kirche besonders eindrucksvoll: Hunderttausende Menschen pilgern nach Assisi, wo die Gebeine des hl. Franziskus ausgestellt sind – in einer Glasvitrine, unter der man die Überreste des Skeletts betrachten kann. Der Andrang ist so groß, dass Timeslots gebucht werden müssen.
Was fasziniert die Menschen so sehr an Reliquien, dass sie bereit sind, stundenlang dafür anzustehen?
Was im christlichen Sinn als Reliquie gilt
Reliquien sind im christlichen Sinne Objekte, die mit einem Heiligen verbunden werden. Dabei gibt es eine komplexe Reihenfolge: Wichtiger sind Teile eines Körpers, weniger bedeutsam sind Objekte, die mit dem Heiligen nur in Verbindung stehen – sogenannte Kontaktreliquien. Den höchsten Rang haben Reliquien Christi inne, wobei es von diesen, abgesehen von Blutreliquien, keine Körperreliquien gibt. Zu den bedeutendsten gehören neben dem Leichentuch in Turin die Kreuzreliquien. Es folgen im Rang Reliquien der Gottesmutter, von denen wegen ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel ebenfalls kaum Körperreliquien erhalten sind, sondern nur mit ihr verbundene Reliquien.
Eine Reliquie ist grundsätzlich größenunabhängig. Es kann sich bei ihr um einen Zahn handeln, aber auch um einen ganzen Körper, wie bei manchen Heiligen aus jüngerer Zeit, deren Körper fast vollständig erhalten sind.
Optisch wird dabei auch mal nachgeholfen: Mancher Heilige liegt in einem Glassarg unter einem Altar, gewandet in Festkleidung und mit einer Maske auf dem Gesicht, die seinen Zügen entspricht – jederzeit bereit für die Auferstehung.
Die Theologie des Leibes
Um Auferstehung geht es dabei auch – wenigstens aus theologischer Perspektive. Denn früher stellte man sie sich sehr plastisch vor. Gott haucht am Jüngsten Tag den toten Körpern wieder Leben ein. Der irdischen Materie des Verstorbenen kommt damit eine für ihn heilsrelevante Bedeutung zu. Bildlich dargestellt kann man das etwa am Grab des hl. Bonifatius in Fulda sehen. Da klettert der auferstandene Heilige im vollen Bischofsornat aus dem Grab, assistiert von zwei kleinen Engeln.
Die körperlichen Überreste gehörten in dieser Vorstellungswelt also zur Identität eines Menschen: Leib und Seele werden zwar durch den Tod getrennt, sie bleiben aber aufeinander bezogen. Und so, wie viele Heilige schon im Leben Wunder taten, so tun sie es auch – oder gerade dann – nach ihrem Tod. Und weil die Gräber die letzten Wohnorte der Heiligen sind, sind sie die Orte, an denen diese Wunder am ehesten geschehen.
Heilskraft zum Anfassen
Der tote Leib des Heiligen war daher gerade im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Vermittler zwischen Himmel und Erde. Das konnte im Volksglauben sehr materielle Züge annehmen. Die wundertätige Kraft des Heiligen strahlte in der Vorstellung der Gläubigen von seinen Reliquien quasi ab wie Licht. Schon Gregor von Tours (538–594) sprach in diesem Zusammenhang vom mysterium luminis und assoziierte die Heilskraft mit dem Licht.
Um möglichst viel der wundertätigen Kraft für sich zu erhalten, wurden die Reliquien nicht nur geschaut, sondern auch berührt, geküsst oder es wurden aus ihnen Folgereliquien hergestellt. So gibt es etwa eine metallische Reliquientasche, in der die Reliquie eines Heiligen aufbewahrt wurde; die Tasche verfügt über zwei kleine Öffnungen: oben und unten. Der Priester goss oben Öl in die Tasche hinein, das unten herauslief. Es war dabei mit den Reliquien in Berührung gekommen – und somit selbst zur Reliquie geworden.
Die Grenzen zu magischen Vorstellungen waren dabei fließend und nie so trennscharf, wie es sich die Theologen wünschten. Zwar lehnte es die Kirche stets strikt ab, den Reliquien an sich eine magische Wirkung zuzusprechen. Sie bildeten nur eine Brücke zum Heiligen, der wiederum eine Brücke zu Gott war. Ob diese feinsinnige Unterscheidung jedoch in den Köpfen der Gläubigen existierte, darf bezweifelt werden.
So gewinnt man im Gang durch die Reliquiengeschichte den Eindruck, die Theologie laufe dem Volksglauben nach, den sie zu erklären suche, und nicht umgekehrt. Wenn also die Praxis der Gläubigen der Ursprung des Reliquienkults ist, woher stammt dann diese Praxis?
Ein Grundmuster des Menschen
Es lohnt sich, für diese Frage die Grenzen des Christentums zu verlassen. Die Verehrung von Orten, an denen bedeutsame Tote begraben liegen, gibt es in vielen Religionen: Die Buddhisten kennen die Stupas, in denen sie Reliquien Buddhas Shakyamuni oder bedeutender Mönche verehren. Auch die Muslime kennen heiligmäßige Menschen, an deren Gräber sie pilgern, ebenso wie die Juden. Es scheint ein den meisten menschlichen Kulturen eigenes Phänomen zu sein: Man sucht die Verstorbenen räumlich auf.
Dahinter steht ein anthropologisches Grundproblem: Der Mensch kann sich das Sterben vorstellen, nicht aber den Zustand danach. Deswegen gehört es zum Wesen fast aller Kulturen, den Geistern der Verstorbenen eine gewisse Restpräsenz in der Welt der Lebenden zu unterstellen. Durch diese Restpräsenz kommt diesen Geistern ein gewisser Einfluss zu, denn den hatten sie auch als Lebende. Zugleich kann man mit ihnen aufgrund ihrer Restpräsenz noch in Kontakt treten. Diese Präsenz ist naheliegenderweise dort am stärksten, wo die körperlichen Reste dieser Menschen liegen – denn Geist und Körper hängen eng miteinander zusammen, das ist eine beständige menschliche Erfahrung.
Von den Gräbern der Märtyrer zu den Altären der Kirche
Kehren wir zum Christentum zurück: Die Nähe zu den Gräbern ihrer Verstorbenen, besonders zu den Märtyrern, suchten auch die frühen Christen. In den Katakomben Roms, den Grablegen der ersten Christen dort, sind schon sehr früh Altäre nachzuweisen. Die Mahlgemeinschaft, die dort gefeiert wurde, umschloss somit symbolisch auch jene Gläubigen, die schon verstorben waren. Bald wurden dann nicht Kirchen in Gräbern, sondern Kirchen über Gräbern errichtet. So markiert etwa der Petersdom die Stelle, an der in der Spätantike das Grab Petri vermutet wurde.
Seit dem 8. Jahrhundert entstand die Tradition, jeder Altar solle eine Reliquie enthalten – womit der Bedarf an Reliquien enorm stieg. Man begann daher, Heilige aus den Zentren des antiken Christentums in andere Regionen umzubetten. Ein Beispiel ist der hl. Liborius: Dieser soll Bischof von Le Mans und ein Freund des hl. Martin von Tours gewesen sein. Mehr ist über ihn nicht bekannt. Bedeutung erlangte er erst durch die Überführung seiner Gebeine nach Paderborn – ein Vorgang, um den sich die meisten Erzählungen über Liborius drehen. In Paderborn stieg er dann zum Regionalheiligen und zur Identifikationsfigur auf.
Der wachsende Bedarf an Heiligen
Weil es aber auch in den alten Zentren des Christentums nicht genug Heilige gab, um den Bedarf in den germanischen und slawischen Missionsgebieten zu befriedigen, begannen die Kleriker, die Gräber zu öffnen und kleine Körperteile zu entnehmen. Weil auch das endlich war und die Heimatkirchen ihre kostbaren Körper nicht beliebig verstümmeln wollten, kamen Kontaktreliquien auf. Wenn man schon keinen Knöchel vom hl. Franziskus bekam, dann doch wenigstens einen Stofffetzen seines Gewandes.
Zwischen Legende und Echtheit
Es gehört zur Natur der Sache: Der Einfallsreichtum der Menschen driftet gerade bei ungesicherten Feldern ins Unwahre ab. Ein schönes Beispiel sind die Windeln Jesu, die noch heute im Aachener Dom verehrt werden. Auf den ersten Blick wirken sie wie Marketing, aufgebaut auf Fake News. Doch so einfach ist es nicht. Der Legende nach erwarb Kaiserin Licinia Eudoxia den Stoff um 445 in Jerusalem. Zunächst sei er in der Marienkirche in Konstantinopel aufbewahrt worden. Später sei ein Teil der Windeln an Kaiser Karl den Großen verschenkt worden – so kam er nach Aachen. Untersuchungen an den Textilien weisen auf eine Entstehung zwischen dem 5. und dem 7. Jahrhundert hin. Es waren also wohl nicht die Windeln des Jesuskindes. Doch passt ihr Entstehungszeitraum zu der Geschichte, die von Kaiserin Licinia Eudoxia erzählt wird. Wer genau in dieser Geschichte arglistig gehandelt hat, bleibt uns verborgen. Allerdings hat man die Reliquien spätestens mit ihrer Ankunft im Westen sehr ernst genommen.
Mit dieser Ernsthaftigkeit biegen sich neuzeitliche Theologen das vielgestaltige Problem der Reliquien zurecht: Wichtig sei gar nicht ihre Authentizität, sondern ihre Verehrung. Die Reliquie gewinnt dann ihre Bedeutung durch die Erinnerung. Der Glaube macht aus der angeblichen Windel Jesu die Windel Jesu.
Damit wird jedoch das Problem intellektuell überformt. Das Christentum ist eben mehr als Bibel und Theologie, es ist ein vielschichtiges Phänomen. Puristen, die nach Reinheit streben, erscheint das fragwürdig.
Wenn Reform zur Zerstörung wird
Wie gefährlich jedoch der Versuch ist, zwischen Brauchtum und echter Lehre zu unterscheiden, zeigt sich andernorts: in Saudi-Arabien. Dort herrscht mit dem Wahhabismus ein radikaler Reformislam, der die reine Lehre des Koran befolgen will. Als sich die Wahhabiten mit den saudischen Truppen über die arabische Halbinsel ausbreiteten, begann die Zertrümmerung des alten Arabien. Stätten, die Muslimen seit den Tagen des Propheten Mohammed als heilig galten, wurden planiert. Selbst vor dem ältesten Friedhof von Medina machten die Wahhabiten nicht halt. Schreine, Mausoleen und Grabsteine wurden niedergerissen – geblieben ist nur eine kahle, ebene Sandfläche. Dieses krasse Beispiel zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn unterschiedliche religiöse Vorstellungen aufeinander treffen – und die eine der anderen Seite vorschreibt, wie es wirklich ist.
Eine bleibende Fremdheit
Es bleibt daher eine beiderseitige Fremdheit zurück. Die Verehrung der Heiligen in ihren reich geschmückten Skeletten ist mir weiterhin so fremd wie die Idee, von diesen Knochen ströme ein mystisches Licht aus. Doch wer bin ich, um das für ganz und gar abwegig zu halten? Vielleicht ist der heilige Schauer, den ich bei der Betrachtung der Herzreliquie gespürt habe, genau das: eine Kraft, die nicht erst im Glauben geschaffen wird, sondern erst im Glauben sichtbar wird.
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Headerbild: Richard Huber / CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons), ohne Änderung.
Armreliquiar des hl. Nikolaus, um 1225/30 (Domschatz Halberstadt) Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Foto: Bertram Kober/punctum. CC BY 3.0 (Wikimedia Commons), ohne Änderung.
Grab des Bonifatius: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 Wikimedia Commons), ohne Änderung.
Friedhof: Waldemar Brandt (unsplash)
Windeln Jesu: Geolina163 / CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons), keine Änderung