Retten, nicht richten
Wohin gehen wir – diese Frage stellt Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht „Reklame“ (1956). Der Text besteht aus Fragen und Antworten. Seine Spannung entsteht dadurch, dass der Leser auf die Totenstille zugeht, während er vermeintlich positive Einflüsterung liest, wie wir sie aus der Reklame kennen.
„Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14,5). Ein wechselseitiges Fragen und Antworten anderer Art finden wir auch im 14. Kapitel des Johannesevangeliums. Das Evangelium ist den Abschiedsreden Jesu entnommen. Jesus sprach zu seinen Jüngern in der Nacht, in der er verraten wurde: „Euer Herz sei unbesorgt. Glaubt an Gott und glaubt an mich“ (Joh 14,1). Dabei erinnerte er die Jünger an seinen Weggang: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ (14,2). Natürlich spricht Jesus vom Himmel. Er geht dorthin, um seinen Jüngern eine Wohnung zu bereiten.
Die meisten Menschen glauben, Gottes Wohnung sei der Himmel. Das griechische Wort für „Wohnung“ oder „Haus“ ist hier „oikia“. Doch meint das Wort im Griechischen mehr als einen Ort, wo jemand wohnt. Vielmehr wird mit „oikia“ die ganze Hausgemeinschaft bezeichnet. In Gottes Familie ist viel Platz. Wir können alle als Mitglied in seine Familie aufgenommen werden. Gottes Haus ist Gemeinschaft. Sein Versprechen in Jesus Christus lautet, uns in Liebe aufzunehmen, uns zu kennen und von uns gekannt zu werden auf eine Weise, die niemals endet. Weil Gott uns einen Platz in seiner Familie zuweist, gibt es keinen Grund zur Sorge. Wir können darauf vertrauen, dass der Vater für uns seit jeher einen Platz an seinem Tisch bereitet hat, ganz gleich, wie unbeständig, unvollendet oder geplagt wir auch sein mögen. Vertrauen in die Botschaft Jesu vom Reich Gottes bedeutet, daran zu glauben, dass Gott sein Wort halten wird.
„Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“
Nach christlichem Verständnis bestand Jesu Sendung darin, uns Menschen zu offenbaren, wie Gott ist. Sein Auftrag war es, die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden: Glaube, Umkehr, Nächstenliebe, Vergebung, Gerechtigkeit. „Zeige uns den Vater“ (Joh 14,8), fordert Philippus skeptisch und erwartet von Jesus außerordentliche Zeichen. Für die Griechen war Gott ohnehin unsichtbar, und für die Juden stand außer Zweifel, dass noch niemand Gott je gesehen hat. Für die Zeitgenossen Jesu – und das gilt bis heute – war und ist Gott unnahbar, thronend in weiter Ferne. Wie erstaunlich ist da die Aussage: In Jesus sehen wir den himmlischen Vater.
Bis zur Einsicht, dass der Vater im Himmel sichtbar in Jesus aufscheint, hatten die Jünger noch einen weiten Weg. Er allein ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Er allein zeigt uns den Vater in der Weise, wie er lebt, in der Wahrheit seines Wortes und in dem neuen Leben, das er schenkt. Jesus lebte das Leben eines Menschen, arbeitete für seinen Lebensunterhalt, erfuhr Freud und Leid und wurde so manchen Prüfungen unterzogen. Er zeigt uns den Vater in den alltäglichen Dingen des Lebens, dort, wo wir Gott begegnen können.
Jesu Abschiedsrede endet mit dem Aufruf zur Glaubensvertiefung. Dabei sind die Worte, die er spricht, sein bevorzugtes Mittel zur Reich-Gottes-Verkündigung, Worte, die die Alltagssprache in Poesie verwandeln. Wer dennoch seinen Worten skeptisch begegnet, soll wenigstens aufgrund der Werke zum Glauben finden (Joh 14,11). Und diese Werke kann, wer an Jesus glaubt, in weit größerem Maße auch vollbringen: Wo Jesus Tausende speiste, können die Gläubigen Millionen Nahrung geben; wo Jesus ein paar Kranke heilte, können die Gläubigen ein weltweites Netz der medizinischen Versorgung für die Leidenden organisieren, und dort, wo Jesus zwei oder drei von den Toten erweckte, können die Gläubigen durch ihre Großzügigkeit Millionen von Menschen neuen Lebensmut und neue Perspektiven schenken. Jesu gewaltiges Erlösungswerk findet eine Vervielfachung durch seine Kirche zu allen Zeiten. Er und der Vater sind eins. In seiner Verkündigung vom Reich Gottes gebraucht Jesus oft Gleichnisse, die als Bilder für das Himmelreich dienen, so etwa die Gleichnisse vom „Senfkorn“, vom „Sauerteig“, vom “großen Gastmahl“, vom „barmherzigen Vater“ usw.
Wer immer sich mit der Kernbotschaft Jesu beschäftigt, kommt um die Seligpreisungen bei Matthäus und Lukas nicht herum. Hier finden wir die zentralen Aussagen der Gottesreich-Verkündigung Jesu. Gott stellt jene in den Mittelpunkt, die sich den Erfolgsstrategien dieser Welt verweigern. Zugleich trauert er über die, die Gott in ihrem Leben nicht erkennen können, obwohl der Vater uns in Jesus, seinem Sohn, so nahe gekommen ist.