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Orientierung
Quellen des Glaubens

Jesuiten. Flexible Soldaten für das Evangelium

1537 stranden sieben fromme Pilger in Italien. Sie kommen aus Frankreich, wo sie in Paris gemeinsam studiert haben. In Paris kamen sie auch auf die Idee, gemeinsam nach Jerusalem zu pilgern und im Anschluss dort als Seelsorger zu arbeiten. Ihr Anführer Inigo Lopez de Loyola war schon einmal im Heiligen Land gewesen, durfte aber nicht dort bleiben. Und auch dieses Mal bleibt Jerusalem Sehnsuchtsort. Denn in Italien endet ihre Reise. Aufgrund der politischen Lage war an eine Überfahrt ins Heilige Land, gar an missionarische Arbeit ebenda, nicht zu denken. Doch was nun?

Im Dienst des Papstes

Die sieben Männer hatten sich schon festgelegt: Sie wollten sich als Gemeinschaft in der Seelsorge und der Mission engagieren. Doch anstatt sich aufzulösen, weil der ursprüngliche Plan nicht zu verwirklichen war, zeigen Sie sich flexibel. Wenn sie nicht dorthin können, wohin sie wollen, dann gehen sie eben dorthin, wo sie gebraucht werden. Und wer könnte das besser beurteilen als der Papst. So stellen sich die sieben Männer in Rom Papst Paul III. zur Verfügung. Der nimmt die Chance wahr und genehmigt drei Jahre später die neue Gemeinschaft, die den Namen Societas Jesu erhält, Gesellschaft Jesu. Sie werden bekannt als Jesuiten. Aus der Gründungsphase stammt auch das vierte Gelübde der Ordensmänner, die neben Armut, Keuschheit und Gehorsam auch dem Papst besondere Treue schwören. Unter Führung ihres Gründers Ignatius von Loyola steigen die Jesuiten binnen weniger Jahrzehnte zum einflussreichsten und größten katholischen Orden der Gegenreformation auf. Bis ins 20. Jahrhundert hinein flüsterte man in kirchenkritischen Kreisen von der Macht der Jesuiten.

Dressierter Geist

Dieser Ruf ist nicht unverdient. Denn die Jesuiten zeichnen sich seit jeher durch zwei Eigenschaften aus, die in der Kombination höchst effektiv sind: einer straffen, militärisch anmutenden Hierarchie und Disziplin sowie einer enormen Flexibilität.

Das beginnt schon in der Spiritualität des Ordens. Die Exerzitien nannte Manfred Barthel in seinem Buch über die Jesuiten den „dressierten Geist“ und „Willensschule“. Ignatius beschreibt in seinem Buch die großen Exerzitien, die über vier Wochen absolviert werden. Exerzitien sind Übungen. Wie im militärischen Training der Körper sich übt, um in die Schlacht zu ziehen, so wird bei Ignatius der Geist vier Wochen intensiv trainiert: Der Exerzitant betrachtet das Leben Jesu und spürt in sich und die Geschichte hinein, ordnet von dorther sein Leben und entscheidet sich, im Optimalfall, zur Nachfolge Christi.

Doch nicht nur die Exerzitien, auch die Organisation nimmt Anleihen beim Militär. Ignatius war selbst Soldat gewesen und übernahm aus dieser Zeit die straffe Organisation seiner zentral geführten Gemeinschaft. Ähnlich wie Dominikaner und Franziskaner zuvor, waren die Jesuiten nicht an einen Ort gebunden, sondern konnten nach Belieben eingesetzt werden. So fand sich ein in Saragossa in Spanien geborener Adliger an seinem Lebensende vor Kanton an der chinesischen Küste wieder. Während andere Gemeinschaften komplexe Wahlverfahren kannten, wurde bei den Jesuiten nur einer gewählt: der Generalobere. Von Rom aus konnten Ignatius und seine Nachfolger theoretisch gesehen jeden beliebigen Jesuiten befördern, degradieren oder ans Ende der Welt versetzen.

Christentum und Ahnenverehrung: Passt schon

Die damit einhergehende Flexibilität zeigt sich auch im Prinzip der Inkulturation. Das befolgten die Jesuiten schon lange, bevor es zu einem Schlüsselwort der Pastoral in fremden Ländern wurde. Beispielhaft sind die Asien- Missionen der Gemeinschaft. Einer ihrer frühesten Missionare, der hl. Franz Xaver: Der brach schon ein Jahr nach der förmlichen Gründung der Jesuiten von Lissabon aus in den indischen Ozean auf. Die nächsten zehn Jahre verbreitete er rastlos entlang der Küsten Indiens, Südostasiens, Chinas und Japans das Christentum. Dabei nahm er gerade in den verfassten Kulturen Asiens gewisse Verwechslungen in Kauf: Das die Japaner die Trinität nicht verstanden und das asketische christliche Ideal schnell mit buddhistischen Vorstellungen verwechselten, nahm Franz Xaver billigend in Kauf, um einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Seine Nachfolger gingen den gleichen Weg in China, wo Matteo Ricci die Konversion erleichterte, indem er etwa die traditionelle chinesische Ahnenverehrung weiterhin gestattete; ein Schritt, der selbst unter Jesuiten umstritten war. Doch hatte Ricci mit seinen Bemühungen Erfolg und konnte dank seiner guten Kenntnisse der chinesischen Kultur und Sprache als Vermittler zwischen den Kulturen auftreten. Damit schaffte er es bis zum Kaiserhof in Peking.

Schulen

Diese Nähe zu den Mächtigen ist ein weiteres Merkmal der Jesuiten, gerade in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens. Besonders in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt, suchten sie die Nähe zu den Entscheidern; so fungierten sie an vielen katholischen Höfen als Beichtväter der Monarchen. Und sie entwickelten ein feines Gespür für das, was vor Ort gerade gebraucht wurde. Und was in Europa des 16. und 17. Jahrhunderts vor allem gebraucht wurde, waren Schulen. Mit der Entwicklung des Buchdruckes, dem Humanismus, der Reformation und der Gegenreformation hatte sich ein enormes Bedürfnis nach Bildung entwickelt. Obwohl Jesuiten als pilgernde Gemeinschaft entstanden, stampften sie so in den nächsten Jahrhunderten riesige Ordenshäuser, Schulen und Hochschulen aus dem Boden; häufig unterstützt von den jeweiligen katholischen Fürsten.

Trotz aller Brüche ihrer fast 500 Jahre währenden Geschichte, diesen Grundprinzipien ihrer Spiritualität sind die Jesuiten treu geblieben. Willi Lambert, selbst Jesuit, brachte diesen Charakter seines Ordens in einem Satz auf den Punkt: Gott umarmt uns durch die Weltlichkeit.