Zum Dienst der Autorität berufen
Vorschau Provinzrat
Mazenodfamilie
Freitag, 28. August 2026

Zum Dienst der Autorität berufen

Als Ordensleute haben Oblaten Gehorsam gelobt. Das stellt an sie und an ihre Oberen besondere Herausforderungen. Der WEINBERG sprach mit Pater Christoph Heinemann OMI, dem Provinzial der Mitteleuropäischen Provinz der Oblatenmissionare.

DER WEINBERG

Was bedeutet Führung in einem Orden?

Pater Christoph Heinemann

Wenn wir in unsere Ordensregel schauen, heißt es dort, der Provinzobere ist verantwortlich für die Arbeit der Provinz und aller dazugehörigen Werke. Er trägt dafür Sorge, dass die einzelnen Kommunitäten und Mitbrüder ihren missionarischen Dienst erfüllen können. Und das beinhaltet ziemlich viel: Können die Kommunitäten ihren Aufgaben erfüllen und Heimat für die Mitbrüder sein? Haben die richtigen Personen die richtigen Aufgaben? Braucht der einzelne Mitbruder etwas, um seine Aufgabe erfüllen zu können, beispielsweise eine Weiterbildung? Damit der Provinzial seine Aufgabe erfüllen und Entscheidungen treffen kann, ist er zum Dienst der Autorität berufen.

DER WEINBERG

Gehören Autorität und Gehorsam zusammen?

Pater Christoph Heinemann

Gehorsam wird häufig missverstanden. Es geht nicht darum, aus Prinzip Freiheit aufzugeben. Aber Gehorsam lässt mich reflektieren. Wir sprechen heute von dialogischem Gehorsam: Man redet miteinander und man sucht gemeinsam eine Lösung. Es geht darum, gemeinsam den Willen Gottes zu suchen. Aber im Zweifelsfall muss der Obere eben mit der Autorität, die er durch dieses Amt hat, entscheiden.

DER WEINBERG

Wie ist das Verhältnis von Autorität und Beratung?

Pater Christoph Heinemann

Auf vielen Ebenen der Gemeinschaft gibt es Obere, da ist zum Beispiel an die Hausoberen, die Provinzoberen oder den Generaloberen zu denken. Sie treffen jeweils für ihren Zuständigkeitsbereich Entscheidungen. Dabei werden sie von einem Rat unterstützt. Einige Entscheidungen kann der Obere alleine treffen, andere nur mit Zustimmung seines Rates.

Auf der Ebene der Provinz ist das der Provinzrat, der von den Mitbrüdern gewählt und vom Generaloberen ernannt wird. Wir treffen uns regelmäßig und besprechen anstehende Entscheidungen. Daneben gibt es auch die Beratungen mit den betroffenen oder kenntnisreichen Mitbrüdern.

DER WEINBERG

Was ist der Unterschied zwischen der Leitung in einer Ordensgemeinschaft und einer anderen Institution?

Pater Christoph Heinemann

Im Gegensatz zu einer Firma oder einer politischen Organisation gibt es keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Privat. Unsere Lebensregel betrifft alle Bereiche, den Dienst, das gemeinsame Leben, aber auch persönliche Dinge. Da geht es dann auch um Fragen, wo jemand Urlaub macht oder ob die persönlichen Ausgaben angemessen sind. Dahinter steht unser Armutsgelübde.

Das bedeutet nicht, dass wir nichts haben: Geld steht uns zur Verfügung, weil wir unsere Aufgaben erfüllen müssen, ein Dach über dem Kopf brauchen, weil wir essen oder zum Arzt müssen. Aber das Geld gehört uns nicht als Privatperson. Daher müssen wir voreinander über unseren Umgang mit Finanzen Rechenschaft ablegen und können auch nicht frei über finanzielle Fragen entscheiden. Das ist der Unterschied zum Privatbesitz, über den Besitzer beliebig verfügen.

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Zum Dienst der Autorität gehört im oblatischen Verständnis die Begegnung mit den Mitbrüdern und den Mitgliedern der Mazenodfamilie vor Ort. Fotos: OMI World
DER WEINBERG

Wie geht man mit Mitbrüdern um, die krank sind, die pflegebedürftig werden oder die in ihrer Kommunität nicht mehr bleiben können?

Pater Christoph Heinemann

Auf der einen Seite ist das oft nicht anders als in einer Familie: Jeder wird älter. Wir möchten, dass jeder so lange es geht in einer Hausgemeinschaft lebt und sich dort einbringen kann – das tut ihm und der Kommunität gut. Irgendwann ist das aber nicht mehr möglich. Zum Beispiel, weil ein Mitbruder einen Rollator braucht, es in dem Kloster aber keine Aufzüge gibt. Oder jemand wird pflegebedürftig, die Mitbrüder haben aber nicht die Möglichkeit, ihn ausreichend zu betreuen.

Der Unterschied zur Familie ist, dass wir im Hünfelder Kloster eine eigene Pflegestation haben und die Mitbrüder „zuhause“ professionell gepflegt werden. Trotzdem ist dieser Umzug für viele sehr schwierig. Da kann man nur geduldig versuchen, die Situation zu erklären und für Verständnis werben. Und manchmal muss der Obere auch eine Entscheidung treffen und durchsetzen, die vom Betroffenen nicht begrüßt wird. Doch meist merken die Mitbrüder nach einiger Zeit, wie gut sie auf der Pflegestation versorgt werden und sind zufrieden.

DER WEINBERG

In den vergangenen Jahren sind viele Oblaten aus anderen Kontinenten dazugekommen. Wie verändert das Leitung?

Pater Christoph Heinemann

Das Stichwort ist Zuhören: Mitbrüder aus anderen Kulturen haben häufig eine andere Art zu kommunizieren. In einigen Kulturen gilt es beispielsweise als unhöflich, „nein“ zu sagen. Das Nein wird dann umschrieben mit „mal sehen“ oder „das ist kompliziert“. Oder es gilt als unschicklich, eine andere Meinung zu äußern als ein älterer Mitbruder oder ein Vorgesetzter. Da können beide Seiten voneinander lernen.

DER WEINBERG

Wie wichtig ist Konfliktfähigkeit innerhalb einer Ordensgemeinschaft?

Pater Christoph Heinemann

Überall, wo Menschen zusammenleben, braucht es Konfliktfähigkeit. Es gibt auch in einem Orden Auseinandersetzungen und verschiedene Meinungen. Das ist normal. Mein Grundsatz ist, dass wir uns mit Respekt behandeln und einander den guten Willen und den Glauben zugestehen.

Zudem gibt es im Ordensleben die sogenannte Correctio fraterna, die brüderliche Zurechtweisung. Dabei geht es darum, einander die Wahrheit zu sagen, auch wenn es Kritik ist. Die Haltung ist allerdings nicht, dass ich den anderen klein machen möchte, sondern ihm helfen möchte zu wachsen und besser zu werden.

DER WEINBERG

Welche Rolle hat Spiritualität im Leben eines Provinzials?

Pater Christoph Heinemann

Spiritualität ist im Ordensleben grundsätzlich unerlässlich. Gemeinsames und privates Gebet, die Betrachtung der Heiligen Schrift und besonders die gemeinsame Eucharistiefeier gehören zu unserem Tagesprogramm. Zugegeben: Oft verhindern es meine Aufgaben am Gebet der Gemeinschaft teilzunehmen, zum Beispiel weil ich viel unterwegs bin.

Wenn ich zu einem Termin fahre, bereite ich mich nicht nur inhaltlich darauf vor. Ich nehme, besonders, wenn es um schwierige Entscheidungen oder persönliche Fragen eines Mitbruders geht, diese auch unterwegs mit ins Gebet. Mir hilft dabei sehr der Rosenkranz.

Bei allen Entscheidungen geht es um die Frage: Was entspricht dem voraussichtlichen Willen Gottes? Quellen der Erkenntnis sind neben dem Gebet die Heilige Schrift, die Tradition und der Austausch mit Mitbrüdern oder Geistlichen Begleitern.