Wieso ein Oblate aus Sri Lanka in Europa genau richtig ist
„Ich bin nach Europa gekommen, weil sie hier Priester brauchen“, so Pater Lylie Fernando OMI. Der Oblatenmissionar stammt aus Sri Lanka und betreut derzeit auf der walisischen Insel Anglesey mehrere katholische Pfarreien. Er ist einer von 60 Oblaten in Europa, die von anderen Kontinenten gekommen sind.
Pater Lylies Anwesenheit ist die Folge einer vielfältigen religiösen Krise der Kirchen in Europa, die sich unter anderem in einem Mangel an Priester- und Ordensberufungen zeigen. Wegen diesem stehen viele regionale Schwestergemeinschaften kurz vor dem Aussterben, während sich international aufgestellte Gemeinschaften Mitglieder vor allem aus Afrika und Asien holen, wo es noch genügend Berufungen gibt.
Eine Trendumkehr der anderen Art
Das gilt auch für die Oblatenmissionare. In Frankreich ist die Lage besonders dramatisch. Von den 70 Oblaten in Frankreich sind 18 nicht in Europa geboren. Das ist eine Trendumkehr. Mehr als 100 Jahre lang fuhren Oblaten aus Frankreich in die Welt, um die Völker zu missionieren. Nun kommen die Oblaten aus anderen Teilen der Welt nach Frankreich. Es ist ein Prozess, der für die Kommunitäten und Provinzen erhebliche Herausforderungen birgt.
Darüber sprachen in dieser Woche 28 Oblaten aus allen Teilen der Welt im Nikolauskloster nahe Jüchen. Sie tauschten sich dort ihre über ihre Erfahrungen aus, über Freuden und Schwierigkeiten Missionar in Europa zu sein.
Bestmögliche Bedingungen, oder?
Eigentlich könnte man annehmen, die Oblatenmissionare aus anderen Teilen der Welt finden bestmögliche Bedingungen vor: Ihre Anwesenheit ist erwünscht, sie reagieren auf einen realen Mangel, sie sind gut ausgebildet und kommen in Strukturen, die ihnen ihre Eingewöhnung in dem fremden Land erleichtern – Bedingungen, wie sie nur wenige Migranten in Europa vorfinden. Dennoch haben sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen:
Das beginnt schon mit der Wetterumstellung. Im Klima Süditaliens kann sich ein Oblate aus dem Senegal noch wohl fühlen, doch wer aus Sri Lanka nach Schweden oder nach Wales kommt, der erlebt kalte und dunkle Winter, die sich auch auf sein Wohlbefinden auswirken. Auch ans Essen müssen sich die Neuzugänge erst mal gewöhnen. Wer in Südasien eher scharfe Speisen liebt, dem erscheint ziemlich fad, was in Europa auf den Tisch kommt. Und viele Oblatenpriester erleben in Europa vielerorts zunächst eine spirituell trockene Zeit, wenn sie wegen der Sprachbarriere nur wenige Messen zelebrieren. Dazu kommt bei vielen die Einsamkeit. Wenn alles neu ist und die Familien und Freunde weit weg, dann sind häufig die – zunächst unbekannten – Mitbrüder im Haus erst mal keine Hilfe.
„Der Inder“ als Notnagel
Zumal auch sie einen Umstellungsprozess erleben. Viele Oblaten aus anderen Teilen der Welt erleben es nicht zuerst als Mitbruder oder Priester angesehen zu werden, sondern als „der Inder“ oder „der aus Sri Lanka“. Solche Zuschreibungen schmerzen, zumal sie nicht immer positiv gemeint sind. Dabei können solche Aussagen sowohl rassistisch gemeint sein als auch von einem Desinteresse am Kontext des Gegenübers zeugen.
Denn die Oblaten, die nach Europa kommen, werden von Mitbrüdern und Gemeinden häufig als Notnagel angesehen, als Ersatz, den man eben braucht, weil die einheimischen Priester – die man lieber hätte – fehlen.
Anpassen – doch woran?
Entsprechend liegt Druck auf den Neuzugängen, sich anzupassen: Die Sprache schnell lernen, die örtlichen Gewohnheiten annehmen, die eigene Identität zurückstellen. Dabei ist diese eigene Identität wesentlich für die Berufung der Oblaten aus anderen Kontinenten. Sie bringen ihre eigenen Erfahrungen mit, die sie motiviert haben, in den Orden einzutreten und auch nach Europa zu kommen. Viele der Oblaten sind ihrer Berufung gefolgt aufgrund von Vorbildern in ihren Heimatländern.
Dort ist der Kontakt zwischen Gläubigen und Priestern häufig eng: Die Kirchen sind voll, nach dem Gottesdienst stehen Priester und Gemeindemitglieder noch lange zusammen, die Ordensleute besuchen die Menschen vor Ort in ihren Häusern und sind jederzeit ansprechbar – häufig auch in der Nacht, etwa bei einem Notfall. In Deutschland gibt es hingegen die Öffnungszeiten des Pfarrbüros – 9.30 Uhr bis 12 Uhr –, die Kirchen sind eher leer und die meisten Gläubigen fahren nach der Messe sofort nach Hause.
Zudem erleben viele Oblaten auch einen Geltungsverlust: In ihren Heimatländern genießen sie als Priester häufig ein hohes Ansehen – in Europa hingegen erfahren sie selbst von Kirchenmitgliedern eher zurückhaltende Reaktionen auf ihren Stand. Auch bemerken die Oblaten einen Verlust an Glaubenswissen in Europa. In ihren Heimatländern wird das häufig in den Familien weitergegeben – die Kirche kann dann auf diese Erfahrungen und Kenntnisse aufsetzen. Doch in Europa ist das Wissen und die Bedeutung des Glaubens selbst in christlichen Familien eher gering.
Bereit für die schwierigen Missionen
So stehen die außereuropäischen Ordensleute vor dem gleichen Problem wie die einheimischen Seelsorger: Wie kann man das Evangelium im modernen, säkularen Europa authentisch verkünden werden? Wie kann Europa reevangelisiert werden?
Dabei hilft den Oblaten eine Tradition, die sie über alle Kontinente verbindet: Sie fühlen sich auf die schwierigen Missionsfelder berufen. Auch in diesem Sinne sind die Oblatenmissionare, die aus Regionen außerhalb Europas kommen, hier genau richtig.