Die Option für die Ärmsten
Beseelt von dem Wunsch, den Weg meiner dreijährigen missionarischen Erfahrung in der Mitteleuropäischen Provinz festzuhalten, und im Rahmen der Feier meines zehnjährigen Priesterjubiläums habe ich diesen Bericht verfasst. Drei Jahre Mission in einer neuen Welt sind nicht unbedeutend; zehn Jahre Priesterleben sind kein geringes Ereignis. Dieser doppelte Meilenstein offenbart den Weg, der durch viele Unwägbarkeiten geführt hat.
Meine Heimat – die Demokratische Republik Kongo
Trotz des Reichtums an Bodenschätzen im Kongo lebt ein Großteil der Bevölkerung in Armut. Die Wirtschaft wird von multinationalen Bergbauunternehmen dominiert. Zudem schadet Korruption auf allen Ebenen dem Gemeinwohl. Daher ist die Kirche eine unverzichtbare Stütze für die Bevölkerung: Sie betreibt ein riesiges Netzwerk an Schulen und Krankenhäusern und springt dort ein, wo der Staat versagt; die Bischofskonferenz vermittelt in politischen Krisen und achtet auf die Transparenz bei Wahlen.
Meine missionarische Erfahrung in der Mitteleuropäischen Provinz
Bevor ich meine Heimatprovinz für die Mission verließ, arbeitete ich sieben Jahre in der Pfarrpastoral, in der Seelsorge im Krankenhaus und Gefängnis, in der Erziehung und in der Jugendbildung.
Meine Ankunft in Deutschland war nicht einfach. Ich hatte das Gefühl, ein neues Kapitel meines Lebens in einer unbekannten Welt aufzuschlagen. Alles war neu: das Land, das Klima, die Kultur (Essen, Sprache, Bräuche) und die Liturgie. Ich fühlte mich fast verloren. Meine einzige Kraft lag im Vertrauen auf die Vorsehung und die Macht des Heiligen Geistes, der die Mission leitet, gemäß der Verheißung der Apostelgeschichte: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen … ihr werdet meine Zeugen sein ... bis an die Enden der Erde“ (Apg 1, 8).
Ich wurde in der Mitteleuropäischen Provinz sehr herzlich aufgenommen, besonders in der Kommunität in Hünfeld. Ich lebte in einer großen Kommunität mit Mitbrüdern verschiedenen Alters, verschiedener Nationalitäten und Kulturen. Ich habe viel über den Sinn des Gemeinschaftslebens, die Internationalität und die Interkulturalität gelernt. Ich konnte mein geistliches Leben weiter vertiefen. Ich bin tief geprägt von dieser oblatischen Spiritualität, die wir in Gemeinschaft gelebt haben. Meine zweite Kommunität war Unlingen. Sie ist kleiner als Hünfeld, aber gerade das half mir, die Geschwisterlichkeit, die Einfachheit und den Geist des gegenseitigen Dienstes noch tiefer zu erfahren. Die Momente des Austauschs und der kulturellen Begegnung haben meinen missionarischen Eifer gestärkt. Ich habe festgestellt, dass es hier einen echten Bedarf an Missionaren gibt.
Das Dilemma
Am Ende meiner vorgesehenen Zeit in der Mitteleuropäischen Provinz legte ich meinem Provinzial einen Bericht vor und wartete auf seine Antwort, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Er legte mir die dringenden pastoralen Bedürfnisse im Kongo dar.
Ich befand mich daraufhin in einem echten Dilemma, das Herz geteilt zwischen zwei Provinzen, die mir beide sehr am Herzen lagen. Dieser Konflikt drängte mich zu einer intensiven Zeit des Gebets und der geistlichen Unterscheidung. Es ging darum, zu verstehen, wo mich die Mission vorrangig ruft.
Die Option für die Armen
Das Charisma unserer Kongregation besteht darin, das Evangelium dorthin zu tragen, wo die christliche Präsenz am zerbrechlichsten ist und wo Menschen am Rande der Gesellschaft leben.
In diesem Geist wird die „vorrangige Option für die Armen“ zu einem missionarischen Kompass. Sie lädt uns ein, die Bedürfnisse der Verletzlichsten wahrzunehmen, sei es materielle Armut, Einsamkeit, geistliches oder kulturelles Leid. Für uns Oblaten bedeutet die Evangelisierung der Armen, auf benachteiligte Gemeinschaften zuzugehen, den Dialog mit den Ignorierten oder Vergessenen zu suchen und die Verkündigung des Evangeliums an ihre spezifische Lebensrealität anzupassen. Den Armen zu dienen bedeutet, Christus in den Leidenden zu verkörpern, auf den missionarischen Ruf zu antworten und zu bezeugen, dass das Evangelium eine Verheißung der Befreiung für alle ist. Die christliche Mission nimmt dort Gestalt an, wo die Not am größten ist, und jedes Gesicht der Armut wird zu einem privilegierten Ort der Begegnung mit Christus.
Die Entscheidungsfindung
Ich hatte mich schon in diesem neuen Land eingelebt und in Deutschland eine zweite Heimat gefunden. Hier schätzte ich die außergewöhnliche soziopolitische Organisation, die die pastorale Arbeit so sehr erleichtert. Ein gutes politisches System kann eine entscheidende Rolle für das Gelingen pastoraler und missionarischer Aktivitäten spielen, besonders wenn es Freiheit, Stabilität und Gerechtigkeit garantiert.
Doch die Unterscheidung half mir, mich auf das Wesen unseres Charismas zu stützen. Den Verletzlichsten zu dienen ist der Kern unseres Auftrags. So entschied ich mich zugunsten der Provinz Kongo. Das bedeutet nicht, dass es in Europa keine Armen zu evangelisieren gibt – viele leiden hier beispielsweise unter einer tiefen Sehnsucht nach Gott und unter Einsamkeit. Aber im Kongo ist die Not vieldimensional: Zur geistlichen Not kommen die Traumata endloser Kriege und Analphabetismus hinzu. Indem ich mich für die Rückkehr entscheide, folge ich dem Ruf zu der am lautesten schreienden Not.
Daher gehe ich zunächst nach Belgien, um dort Psychologie zu studieren und von dort in meine Heimat zurück – so können mein priesterlicher Dienst und meine psychologischen Kompetenzen im Dienst des Reiches Gottes ihre volle Wirkung entfalten.
Ich gehe nicht weg, um eine Familie zu verlassen, sondern um die Freude des Evangeliums, die wir gemeinsam geteilt haben, weiterzutragen.
Pater Betuel Kinangeni OMI
Unlingen