Immer wieder neu anfangen – und darin Sinn finden
Matthias Karwath ist katholischer Priester, Exerzitienbegleiter und Gestalttherapeut. Er arbeitet hauptsächlich als Pfarrvikar und Exerzitienbegleiter. DER WEINBERG sprach mit ihm über das Thema Lebensaufgabe.
Wenn Sie den Begriff Lebensaufgabe hören, was stellen Sie sich denn darunter vor?
Lebensaufgabe ist ein schwer fassbarer Begriff - denn Lebensaufgaben können sich im Laufe der Zeit wandeln. Je nach Phase gibt es eine andere Lebensaufgabe. Auch unser Körper spielt dabei eine Rolle. Häufig spüren wir es, wenn eine Phase zu Ende geht. Wir beginnen dann, uns Fragen zu stellen: Was steht jetzt an? Was lockt mich? Diese Phase ist mit Unruhe, aber auch mit der Bereitschaft verbunden, mutig neue Schritte zu gehen. Es sind Schwellensituationen.
Phasen werden häufig in Aufstieg, Gipfel und Niedergang eingeteilt. Solche Beschreibungen stellen gerade dann eine Belastung dar, wenn man sich im vermeintlichen Niedergang befindet, etwa im Alter. Welche anderen Deutungen gibt es?
Unsere Gesellschaft bewertet häufig nach Leistungskraft. Wenn man mit dem hohen Leistungsniveau nicht mithält, dann zählt man weniger, dann wird unser Leben sehr schnell abgewertet – das erleben viele Menschen. Doch man kann das auch anders sehen: Natürlich nimmt unsere Leistungskraft irgendwann im Leben ab. Aber dafür nimmt der Erfahrungsschatz zu. Dazu kommt unser Glaube: Unser Gottesbild zeigt uns eine Perspektive, in der jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt seines Lebens geliebt wird – bis zum Ende.
Viele Menschen fühlen sich ab 30 Jahren auf einem Plateau angekommen. Was prägt das Leben in dieser Zeit?
Matthias Karwath
In der Mitte der Lebensphase sind wir zwar einerseits auf der Höhe der Schaffenskraft, aber auch die Häufigkeit von Krisen nimmt zu: Wir haben Beziehungskrisen, etwa, wenn die Kinder ausziehen. Da ist ein Ehepaar auf eine völlig neue Konstellation geworfen und es fragt sich: Was machen wir jetzt mit unserem Leben? Es gibt berufliche Krisen: Es ist kaum mehr möglich, mit einer einzigen Ausbildung das ganze Berufsleben zu gestalten. Das Wort Krise ist häufig negativ behaftet. Eigentlich geht es dabei aber um Unterscheidungen.
Wenn wir ein bisschen über Krisen sprechen, dann geht es ja auch um Ressourcen, mit denen man eine Krise bewältigt. Welche Ressourcen sind das?
Da denke ich an drei Aspekte: zum einen ein gesundes Selbstbewusstsein sowie ein gutes Selbstwertgefühl. Wenn ich mich nicht nur über den Wert der Arbeit oder das Gelingen einer Beziehung definiere, hilft mir das, wenn ich eine Krisensituation erlebe. Auch unsere Gesundheit ist eine starke Ressource. Und daneben würde ich auch unseren Glauben erwähnen: Ich darf mir als gläubiger Mensch sagen: Mein Leben wird nicht danach bewertet, ob es stringent mit einer roten Linie nur bergauf ging; als Glaubender darf ich mir sagen, mit Umwegen, Sackgassen, Irrwegen, auch Abbrüchen falle ich nicht aus der Gnade heraus. Und mein Leben ist nicht nur an diese irdische Lebenszeit gebunden – denn wir glauben an unser Weiterleben bei Gott.
Was haben Lebensaufgaben mit Glück zu tun?
Viele glauben, man brauche die Lebensaufgabe, den Lebenspartner etc., um glücklich zu sein. Aber das blockiert. Das sehen Sie etwa an den Bindungsschwierigkeiten junger Menschen. Mein Eindruck ist, junge Paare tun sich mit Beziehungswahl und auch Berufswahl deshalb so schwer, weil sie glauben, den idealen Partner für das ganze Leben finden zu müssen. Den idealen Partner gibt es aber nicht. Als Glaubender darf ich dagegen auf Jesus vertrauen: Wie bei dem jungen reichen Mann, der ihn fragt, wie er weitergehen soll, zeigt mir Jesus den jeweils nächsten Schritt und schaut mich liebevoll an, wenn ich ihn noch nicht gehen kann. Er wartet, bis ich soweit bin.
Der Glaube ist dann eine Ermutigung. Aber manche Entscheidungen kann man irgendwann nicht mehr treffen. Ist die Chance zum Glücklichsein dann verstrichen?
Ich empfehle da die Unterscheidung zwischen Glück und Sinn. Natürlich darf ich nach Glück streben – solche Momente sind Gottesgeschenke. Aber wenn ich einseitig mein Leben nach Glück orientiere, dann ist der Druck sehr groß. Leichter wird es, wenn ich mich frage, was macht mein Leben sinnvoll? Und ich glaube, dass Sinn mehr trägt als Glück. Glück ist ein vergängliches Phänomen – Sinn kann von Dauer sein. Gerade im Alter ist das eine wichtige Frage: War es sinnvoll, was ich erlebt habe?
Menschen schauen auf ihr Leben zurück und fragen: War es sinnvoll? Was passiert, wenn jemand Nein sagt?
Dann steckt man in einer großen Krise. Eine Möglichkeit ist, dann zu fragen, mit welchem Blick man auf sein Leben schaut. Häufig kann man nicht abschätzen, welche Sätze, welche Taten des eigenen Lebens für andere sehr wichtig waren. Hilfreich ist deshalb, das Gespräch mit Menschen zu suchen, die einem diesen anderen Blick auf das eigene Leben ermöglichen.
Was raten Sie Menschen, die in einer Umbruchphase stehen?
Da wäre zunächst, in die Stille zu gehen. Stille ist wie ein Spiegel, wo alles andere von mir abfällt und ich immer klarer mich selber erkennen kann. Der hl. Ignatius von Loyola empfiehlt dabei folgende Unterscheidung: Was bringt mehr Trost in mein Leben und was bringt mehr Trostlosigkeit in mein Leben?
Zudem ist es ein guter Ratschlag, nicht nur auf den Kopf zu hören, sondern auf auch auf das Herz und den Körper. Herz, Seele und Körper. Meistens lassen wir uns überwiegend vom Kopf leiten. Wir haben aber mehr. Wir haben ein Herz, wir haben zum Beispiel auch einen Bauch. Meistens ist der erste Bauchimpuls die richtige Entscheidung. Wenn sich alles in mir zusammenzieht bei einer Entscheidung, ist es meistens ein Zeichen, es geht nicht in die richtige Richtung. Wenn ich alle vier Aspekte zusammenfließen lasse, dann komme ich oft zu einer guten Entscheidung.