Das weltweite Ernährungssystem in der Krise
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Montag, 17. Oktober 2022
Das weltweite Ernährungssystem in der Krise

Die Fratze des Hungers erhebt sich

Es ist Ihnen sicherlich aufgefallen: Die Lebensmittel in den Supermärkten werden teurer. Nicht nur in Ihrer Gegend.

Schon 2021 sind die Preise für Lebensmittel teils um 28 Prozent gestiegen, so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Ein Trend, der durch den Ukraine-Krieg noch verschärft wird. Schon in deutsche Haushaltskassen reißt das manche tiefe Löcher. Noch mehr trifft es den globalen Süden.

Während in den vergangenen Monaten die Preise in den Industrieländern um 12 bis 30 Prozent gestiegen sind, waren es in manchen Staaten des globalen Südens mitunter 50 bis 100 Prozent. Experten befürchten daher Hungersnöte oder soziale Unruhen. Die Ernährungssicherheit von Millionen von Menschen ist in Gefahr. Schon vor dem UkraineKrieg hungerten laut der Welternährungsorganisation global bis zu 828 Millionen Menschen, mittlerweile dürfte sich sie Zahl deutlich erhöht haben. Droht eine neue, globale Hungersnot?

Es gibt genug Nahrungsmittel, sie sind aber ungleich verteilt

Grundsätzlich gilt seit Jahrzehnten, dass aus der Erde genug Lebensmittel für alle gewonnen werden. Im Vergleich zu 1970 ist die Produktivität des Agrarsektors stärker gewachsen als die Weltbevölkerung. Die Erzeugnisse sind aber ungleich verteilt. Ca. 10 Prozent der Menschheit waren 2021 unterernährt. Gleichzeitig werden in Deutschland im gleichen Jahr 12 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. In einigen Teilen der Welt herrscht also ein Überangebot, in manchen gibt es zu wenig Nahrung.

Wie werden Lebensmittel gehandelt?

Diese Ungleichverteilung resultiert aus unterschiedlichen Aspekten. Zum ersten, wie Lebensmittel gehandelt werden. Für einen globalen Ausgleich sind nur die international gehandelten Lebensmittel relevant. Das sind etwa 23 Prozent aller Agrarprodukte. Der größte Teil wird also regional und national gehandelt. Im Export haben sich viele Länder auf bestimmte Lebensmittelgruppen spezialisiert oder besitzen Überkapazitäten in bestimmten Segmenten, während andere Güter kaum produziert und damit importiert werden müssen.

Ein Beispiel ist die EU: Laut dem EU-Statistikamt exportierte der EU-Raum 2015 Lebensmittel und Agrarprodukte im Wert von 123,2 Milliarden Euro. Gleichzeitig wurden im gleichen Segment Produkte im Wert von 114,1 Milliarden Euro importiert. Es gibt also einen Handelsbilanzüberschuss in diesem Feld.

Die Produktpalette war aber ungleich verteilt. Der Handelsbilanzüberschuss ist vor allem auf Getreide, Mehl, Stärke, Eier, Fleisch und Milchprodukte zurückzuführen. Stärker importiert als exportiert wurden dagegen Waren aus dem Obst- und Gemüsesektor sowie Kaffee und Tee.

47 Milliarden Euro betrug der Wert des Weizens, der 2021 von den 10 wichtigsten Exportnationen gehandelt wurde.

Entsprechend sind die Regionen ungleich von Schwierigkeiten im Weizenexport betroffen.

So entsteht etwa in der EU kein Mangel an Weizen durch Probleme im globalen Handel. Wenngleich Länder wie Spanien, Italien und Teile Mitteleuropas Weizen aus der Ukraine importieren, ist der gesamte EU-Raum sogar Netto-Exporteur.

Anders die Länder Südostasiens. Sie sind wichtige Netto-Importeure. Aber: Dort deckt Weizen nur einen geringen Teil des Kalorienbedarfs, Reis ist wichtiger.

Am härtesten treffen Störungen im globalen Weizenhandel den Nahen Osten und Afrika nördlich der Sahara. Denn zum einen importieren sie viel; zum anderen ist Brot dort das entscheidende Nahrungsmittel.

Weizen ist dabei mittlerweile eine Ware, die an internationalen Märkten gehandelt wird. Als weitgehende standardisierbarer und flexibel zu transportierender Rohstoff bietet sich Weizen dafür an. Was also in den globalen Export gehen kann, verliert in vielen Fällen die Beziehung zwischen ursprünglichem Hersteller und Verkäufer.

Nun fallen drei Begebenheiten ungünstig zusammen: Zum einen die niedrigen Lagerbestände. Produktionsund Handelsschwankungen können also nur unzureichend durch eingelagerte Güter ausgeglichen werden.

Dazu Sara Menker, Geschäftsführerin des Agraranalyseunternehmens Gro Intelligence laut Business Insider: „Es ist wichtig zu betonen, dass die Getreidelagerbestände weltweit so niedrig sind wie nie zuvor, während der Zugang zu Düngemitteln stark eingeschränkt ist.“

Damit verwies Menker auf ein zweites Problem: die Dürren in vielen Weizenanbaugebieten, die sinkende Ernten verursachen. Diese seien laut Menker „so extrem wie seit über 20 Jahren nicht mehr“.

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Der Krieg zwischen der Ukraine und Russland

Der dritte Aspekt ist der Ukraine-Krieg. Für den weltweiten Getreidemarkt sind die Ukraine und Russland wichtig. Auf beide Länder entfällt fast ein Drittel der weltweiten Getreideexporte: Im Jahr 2020 lag der Anteil der Ukraine am weltweiten Handel mit Weizen laut UN-Angaben bei acht Prozent.

Für die Ukraine wird 2022 ein Ernteeinbruch erwartet: Ende Juni hat in der Ukraine die Weizenernte begonnen. Laut Schätzungen des ukrainischen Staates und von Agrarfirmen werden rund 20 Millionen Tonnen Weizen anfallen. Im vergangenen Jahr waren es noch 32 Millionen Tonnen. Die Menge ist gesunken, weil Felder vermint sind oder der Krieg deren Bestellung verhinderte. Die Ukraine selbst benötigt ca. 10 Millionen Tonnen für die eigene Bevölkerung. Die Menge, die für den Export übrig bleibt, ist kleiner geworden.

Doch trotz der geringeren Exportmengen ist nicht genug Platz für die neue Ernte. Denn noch immer steckt ein Teil des Getreides aus dem Vorjahr in den Silos fest. Traditionell hat die Ukraine 90 Prozent der Getreideausfuhren über die Häfen am Schwarzen Meer exportiert. Durch den Krieg sind die Häfen teils besetzt, zerstört oder von der russischen Marine blockiert. Zudem gefährden Seeminen, die von Russland und der Ukraine verlegt worden sind, die Schifffahrt.

Die Alternativen zum Transport über das Meer sind Straßen und Schienen. Doch das stößt an zahlreiche Hindernisse. Zum einen ist Benzin in der Ukraine knapp und daher teuer. Zum zweiten hat die Eisenbahnlogistik im Land zu geringe Kapazitäten, um den Weg über das Meer auszugleichen. Außerdem weist das ukrainische Schienennetz zum großen Teil eine andere Spurbreite auf als etwa in Polen. Zudem beklagen Logistiker die schleppende Abwicklung an den Grenzübergängen.

Eine Paradoxie des weltweiten Handels: Während die Weizenpreise an den internationalen Märkten steigen und in manchen Weltgegenden fast unerschwinglich werden, sind in der Ukraine die Preise im Keller, denn es gibt ein regionales Überangebot. Das macht es für die Bauern teilweise unattraktiv, ihr Getreide jetzt zu verkaufen und stürzt viele von ihnen in wirtschaftliche Nöte.

Das Getreide der Ukraine wird vor allem in den Nahen Osten und nach Südostasien verkauft. Vor allem Länder wie Indonesien, Libyen, Ägypten und Äthiopien sind vom Getreide aus der Ukraine abhängig.

Aber nicht nur die Ukraine spielt eine wichtige Rolle, sondern auch Russland. Das Land ist einer der größten Weizenexporteure der Welt. Für die laufende Periode 2021/2022 erwartet das amerikanische Landwirtschaftsministerium russische Weizenexporte im Umfang von 33 Millionen Tonnen. Dort ist die Produktion zwar durch den Krieg nicht direkt betroffen und westliche Sanktionen gegen Getreidelieferungen aus Russland gibt es ebenfalls nicht. Aber die mit dem Weizen zusammenhängenden Finanztransaktionen werden durch die westlichen Sanktionen erschwert. Es ist also unklar, wie viel russischer Weizen die internationalen Märkte erreichen wird.

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20 Millionen Tonnen Getreide sollen in diesem Jahr noch aus der Ukraine verschifft werden

Welche Maßnahmen werden ergriffen?

Ein erster Schritt ist das Getreideabkommen zwischen Russland und der Ukraine. Es soll der Ukraine ermöglichen, Getreide über die von ihr noch kontrollierten Häfen auszuführen. Dafür werden die Schiffe, die zu diesem Zweck ins Schwarze Meer einfahren, vorher und nachher an den Meerengen kontrolliert. Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe ist unklar, wie störungsfrei dieses Abkommen funktioniert. Zudem wird die Kapazität der Häfen, die noch von der Ukraine kontrolliert werden, nicht ausreichen, um die Mengen abzuwickeln. Weitere Maßnahmen haben die G7 auf ihrem Treffen im Juni beschlossen. So verpflichten sich diese Staaten, fünf Milliarden Dollar für die weltweite Ernährungssicherheit bereitzustellen. Der größte Teil davon soll unmittelbar für die Rettung von Menschenleben eingesetzt werden, weitere Gelder dienen der kurz- und mittelfristigen Nahrungsmittelhilfe.

Eine neue Welternährungsordnung?

Der Ukraine-Krieg hat eine schon bestehende Tendenz verschärft: Das Grundnahrungsmittel Weizen wird teurer, gerade für Schwellen- und Entwicklungsländer. Damit ist die gesellschaftliche Akzeptanz des bisherigen Welternährungssystem weiter bedroht. Denn bei allen Schwierigkeiten hat es bislang für die Mehrheit der Menschen, in weiten Teilen auch für die ärmeren Länder des globalen Südens, genug Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt.

Entsprechend wird der Ruf nach einer Änderung des Systems lauter. Dabei gibt es schon zahlreiche grundsätzliche Übereinkommen. Schon 1948 fand das Recht auf Nahrung Eingang in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. 1976 wurde dies noch mal völkerrechtlich im UN-Sozialpakt verankert, dem inzwischen fast alle Staaten beigetreten sind. Laut Artikel 11 des Pakts erkennen die Vertragsstaaten das Recht eines jeden auf ausreichende Ernährung an, außerdem auf einen angemessenen Lebensstandard sowie den Schutz vor Hunger.

1996 tagte der erste Welternährungsgipfel; in dessen Abschlussbericht werden die Staaten angehalten, Ernährungssicherheit und Armutsbekämpfung Priorität einzuräumen. Auf dem dritten Gipfel zu diesem Thema 2009 wurde die Grundlage für die Etablierung einer globalen Partnerschaft für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit gelegt.

2012 wurden vom Ausschuss für Welternährungssicherheit der Vereinten Nationen „Freiwillige Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Boden und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern“ erlassen. Darin wird skizziert, wie bei Eigentums- und Nutzungsrechten die Interessen der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen sind, besonders in Bezug auf den Verkauf von Land.

2014 wurden zudem vom genannten Ausschuss „Prinzipien für verantwortliche Investitionen in die Landwirtschaft und Nahrungsmittelsysteme“ erlassen. Ziel dieser Prinzipien ist es, Investitionen in den Agrarsektor so auszurichten, dass sie der Bevölkerung der Entwicklungs- und Schwellenländer zugutekommen. Noch einmal eingeschärft wurden diese Prinzipien 2016 mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, die bis 2030 verwirklicht sein sollen.

Die zahllosen Beschlüsse zeigen aber auch: Die Verwirklichung des 1948 benannten Menschenrechtes für alle Menschen steht noch immer aus.

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Allein in Äthiopien, Somalia und Kenia sind durch die Dürre in diesem Jahr 1,5 Millionen Flüchtlinge betroffen

Die noch größere Krise grüßt schon in der Zukunft

Das Thema ist nicht nur aktuell relevant. Der allgemeine Trend wird sich in den kommenden Jahren vermutlich sogar verschärfen. 2060 werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen 9 bis 12 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Auswirkungen des Klimawandels lassen aber erwarten, dass es im gleichen Zeitraum zu Ertragseinbußen im Agrarsektor kommen wird. So gehen Wissenschaftler davon aus, dass die maximale Produktionssteigerung im Weizenanbau mittlerweile erreicht ist.

Das Welternährungssystem stellt das vor große Herausforderung. Die wichtigste: Bislang ist es bestimmt durch intensive Nutzung von Pflanzen, die auf hohe Erträge gezüchtet sind, zugleich auf die Ausweitung der Agrarflächen. Das System setzt also seine eigenen Fehlanreize, was die Ernährungssicherheit langfristig gefährdet.

Das Helmholtz-Institut führt unterschiedliche Maßmahmen auf, mit denen die Ernährungssicherheit langfristig verbessert werden kann: Zum einen die bessere Nutzung der bestehenden Ressourcen. Noch immer werden allein in Deutschland 12 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weggeworfen. Zum anderen eine Umstellung der Ernährung der Bevölkerung, besonders im globalen Norden. Der hohe Fleischkonsum etwa bindet deutlich mehr Anbauflächen als eine pflanzliche Ernährung. So stecken in jedem Kilo Rindfleisch 6,5 Kilogramm Getreide und 36 Kilogramm Rauhfutter. Aufseiten der Erzeuger geht es vor allem um zwei Aspekte: eine größere Vielfalt der angebauten Sorten. Monokulturen sind anfälliger, viele unterschiedliche Sorten bieten mehr Sicherheit. Zugleich geht es auch darum, die Biodiversität zu erhalten. Riesige, rein landwirtschaftlich genutzte Flächen, vollgesprüht mit Umweltgiften; so werden Weizenfelder zu Todeswüsten für alle Arten von Pflanzen und Tieren. Kleinräumige landwirtschaftliche Nutzung, der sparsame Einsatz von Umweltgiften, das gibt neue Chancen für die Natur, sich Räume zurückzuerobern und das Ökosystem zu stabilisieren.

Was revolutionär klingt, ist tatsächlich ein Zurück zu den Wurzeln. Selbstständige Bauern, die vor Ort das jeweils passende Getreide anbauen, Äcker zu Erholung freigeben und die Felder schonend bearbeiten: Woran sich die Älteren noch erinnern und was wie eine Idylle klingt, darin liegt die Hoffnung für die Ernährung der Menschheit.

Fotos

Lieferketten 1: Coleur (pixabay)

Lieferketten 3: dendoktoor (pixabay)

Lieferketten 4:  dMz (pixabay)