Heiligkeit als Passion
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Donnerstag, 9. Juli 2026

Heiligkeit als Passion

Ein alter Mann mit weißem Bart sitzt allein in seiner dunklen, kargen Zelle, neben ihm ein trockenes Brot mit einem irdenen Krug voller Wasser. Nur das Rascheln des Schilfs ist zu hören, aus dem er mit seinen faltigen Händen Matten bindet. Draußen heizt die Wüstensonne die karge Felslandschaft lebensfeindlich auf. Dennoch ist in einigen hundert Metern das nächste Hüttchen in die Erde gegraben, in der ein anderer Mann in der gleichen Stille lebt. Besonders attraktiv scheint das Leben nicht zu sein. Dennoch bildete sich in der Spätantike am Rande der Sahara eine lose Siedlung von Eremiten. Ihr Ziel: Gott suchen, heilig werden. Für diese Menschen – überwiegend Männer – muss die Heiligkeit also ein sehr attraktives Konzept gewesen sein. Diese Wüstenväter, wie sie oft genannt werden, legen für uns heute eine Spur, wie wir Heiligkeit verstehen und was sie ausmacht.

Gott ist heilig

Gerade die radikale Gottsuche der frühchristlichen Asketen, fern der Städte, in der lebensfeindlichen Wüste, verweist darauf, wer eigentlich heilig ist – Gott selbst, um nicht zu sagen, Gott allein.

Wenn die Bibel Gott heilig nennt, beschreibt sie damit die Unvergleichlichkeit Gottes. Er ist unverfügbar, allem Geschaff enen voraus und er geht in nichts auf, was der Mensch von der Welt kennt. Doch diese Andersheit allein beschreibt die Heiligkeit Gottes noch nicht vollständig. In Gott gibt es keine Zwiespältigkeit, keine Unwahrheit, keine Vermischung von Gut und Böse. Seine Heiligkeit ist die ungebrochene Einheit von Wahrheit, Reinheit und Liebe.

Die Welt wird geheiligt

Gott ist in sich selbst vollkommen – er hätte in der Ewigkeit für sich bleiben können. Er braucht die Welt nicht. Dennoch hat er die Erde und den Menschen geschaffen. In diese Schöpfung lässt er seine Heiligkeit als lebensspendende Kraft einfließen – und macht sie so für den Menschen erlebbar.

Der Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto fasste diese Erfahrungen in zwei Aspekten: Es sei ein ehrfürchtiges Erschaudern und ein Entzücken. Diese Erfahrung des Heiligen, so Ottos Begriff, bringt im Menschen etwas Unsagbares zum Ausdruck.

Um diese Erfahrung ging es den Asketen in der Wüste. Sie verfügten – zumindest zu Beginn – über wenig Literatur. Viele stammten aus der ägyptischen Bauernschaft, wahrscheinlich konnten sie gar nicht lesen. Sie konnten sich also dort in der Einsamkeit nicht dem Studium frommer Schriften widmen. Ihr Zugang zu Gott war daher die Erfahrung, die in Gottesschau gipfeln konnte, einem Moment der verzückenden und erschaudernden Heiligkeit.

Ein Verzicht, der Reichtum schafft

Um zur Gottesschau zu gelangen, strebten sie an, Gott so weit wie möglich in ihr Leben zu lassen, um seine Heiligkeit in sich wirken zu lassen. Dafür wandten sie sich von allem anderen ab, verzichteten auf soziale Kontakte wie auf weltlichen Erfolg. Die Tage eines Eremiten in der Wüste darf man sich nicht besonders aufregend vorstellen. Sie waren eintönig, geprägt von kargen Mahlzeiten, einfachen handwerklichen Tätigkeiten und dem ständigen Gebet, in dem sie sich Gott vergegenwärtigten.

Doch gerade diese Vergegenwärtigung machte ihr Leben dann wieder spannend. Denn in ihnen vollzog sich ein bedeutendes inneres Geschehen: Je mehr sie Gottes Heiligkeit in sich wirken ließen, umso größer wurde Gott in ihren Augen. Man könnte sagen: Weil die Wüstenväter Gott in ihrem Leben wirken ließen – es heilig werden ließen – waren sie mehr von der Bedeutung Gottes für ihr Leben überzeugt.

Begegnung mit Gott

Viele Szenen in den Evangelien drehen sich um einen ähnlichen Prozess: Die Menschen suchten Jesus, weil sie auf eine konkrete Wirkung in ihrem Leben hofften – meistens ging es um Heilung. Nachdem sie diese Heilung erfahren haben, veränderte sich ihr Leben – und einige überzeugte die Selbstoffenbarung Jesu so sehr, dass sie sich ihm anschlossen – so etwa der blinde Bartimäus, der Jesus nachfolgte.

Denn durch die Zuwendung Jesu wird die Heiligkeit Gottes zur Zusage an den Menschen: Hier, und vielleicht nur hier, fühlen sie sich ganz akzeptiert, als die, die sie sind – ohne Rücksicht auf ihre Gebrochenheit, auf Status oder Leistung. Sie finden sich im Blick Jesu als die, die sie sich zu sein bemühen.

Heiligkeit und Liebe

Diese Erfahrung von Akzeptanz ist nicht nur eine Erfahrung der Heiligkeit, sondern auch der Liebe. Der heilige Gott liebt und ermöglicht dem Menschen, auf diese Liebe zu antworten, ihn zurückzulieben. Diese Liebesbeziehung wirkt auf den Menschen. Er wächst, er gleicht sich dem geliebten und liebenden Gott an. So wird man selbst heilig – nicht aus eigenem Vermögen, sondern aus Gnade.

Die radikale Askese der Wüstenväter verweist dabei auf einen Aspekt, der schwer im Alltag zu fassen ist. Die Erfahrung von Heiligkeit und Gottesliebe lässt dem Glaubenden keinen Platz zur Distanzierung. Man kann es mit einer Partnerschaft vergleichen: Wer sich nur am Wochenende liebt und unter der Woche nur sein Ding macht, der begibt sich in innere Distanz zum Partner, der nimmt den Partner auch nicht ganz ernst. So ist es auch mit der Gottesbeziehung: Wer etwas von sich zurückhält, der hält sich auf dem Weg der Heiligung zurück.

Die Asketen in der Wüste erinnern daher an den Kern dessen, was Heiligkeit ausmacht: die beständige Gottsuche aus der Leidenschaft für den liebenden Gott – man könnte sagen: Heiligkeit als Passion. Man muss dafür nicht in die Wüste gehen – viele Heilige der vergangenen Jahrhunderte zeigen dies. Aber die leidenschaftliche Suche nach dem liebenden Gott bleibt ein Auftrag an alle Christen.